I. Japan, Deutschland und ihre Nachbarn: Was ist für unsere beiden Länder ähnlich oder gar gleich?

Beide sind wir Nationalstaaten. Beide haben sich – verglichen mit anderen Nationen der Welt – erst relativ spät zum Imperialismus verleiten lassen, beginnend gegen Ende des 19. und brutal und rücksichtslos sich auswirkend in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dabei handelt es sich um einen tragischen Faktor in der Geschichte unserer beiden Länder.

Ich will Ihnen zwei Beispiele geben für das, was ich mit dem historisch späten Imperialismus meine. Wenn der deutsche militärische Imperialismus unter Hitler ein Jahrhundert früher geschehen wäre, so hätte der Vergleich mit Napoleon oder Cäsar oder mit Alexander dem Großen nahegelegen.

Natürlich gehen alle Kriege überall auf der Welt, und insbesondere alle Eroberungskriege, Hand in Hand mit zunehmender Brutalisierung. Vergleichslos allerdings bleibt im Falle Deutschlands die fabrikmäßige Vernichtung von Millionen europäischer Juden. In diesem Punkt ist Deutschland ungleich schwerer belastet als Japan – oder als die Sowjetunion oder als England, Frankreich oder die USA. Wenn die japanischen Aggressionen gegen Korea, gegen die Mandschurei, später gegen China insgesamt und gegen eine Reihe von Staaten Südostasiens 100 oder 130 Jahre früher geschehen wären, dann hätte die Außenwelt sie verglichen mit dem Imperialismus der großen europäischen Staaten, mit Napoleons Eroberung von beinahe ganz Europa oder mit den kolonialen Eroberungen der meisten europäischen Staaten in Asien, in Afrika und in Iberoamerika. Wenn die Sklaverei koreanischer Arbeiter und koreanischer comfort women 100 Jahre früher geschehen wäre, dann hätte man sie damals vielleicht verglichen mit der Sklaverei in den USA, die erst in den 1860er Jahren durch einen blutigen Bürgerkrieg überwunden werden konnte. Und der Angriff auf Pearl Harbor im Jahre 1941, wenn er 130 Jahre früher geschehen wäre, vielleicht wäre er dann verglichen worden mit der Bombardierung der dänischen Hauptstadt Kopenhagen durch die britische Flotte.

Selbstverständlich können die soeben angedeuteten historischen Vergleiche niemals die grundlegende Tatsache vergessen machen: Jedes Verbrechen bleibt ein Verbrechen. Dabei darf man aber eine andere wichtige Tatsache auch hervorheben: Es gibt keine kollektive Schuld einer ganzen Nation an den Verbrechen seiner politischen oder militärischen Führer. Schuld betrifft immer nur den oder die Verbrecher, nicht aber die ganze Nation. Sie betrifft deshalb auch nicht die Gesamtheit aller japanischen oder aller deutschen Soldaten. Es gibt keine kollektive Schuld, wohl aber gibt es vielerlei persönliche Schuld – insbesondere unter den damaligen politischen und militärischen Führern.

Die heute lebenden Japaner oder Deutschen sind wegen der im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen keineswegs mitschuldig. Wohl aber sind sie auf beiden Seiten mitverantwortlich dafür, dass derartige Verbrechen sich in der Zukunft nicht wiederholen können. Und es bleibt unsere Aufgabe, in diesem Sinne an die nachfolgenden Generationen zu appellieren.

Im Blick auf die ökonomische Entwicklung unserer beiden Länder dürfen wir dagegen mit Befriedigung feststellen: Beide haben seit Ende der 1860er Jahre eine enorme technologische, industrielle und zivilisatorische Entwicklung zustande gebracht, die zugleich Öffnung und Modernisierung bedeutete. Die Auslöser waren die sogenannte Meiji-Restauration (übrigens ein irreführendes Wort: Es war 1868 weniger eine Restauration als vielmehr eine Modernisierung, tatsächlich eine Revolution) und auf deutscher Seite die Überwindung des jahrhundertelangen Partikularismus durch Bismarcks Reichsgründung im Jahre 1871.