Es ist diese Wunde. Nur wenige Sekunden hat Erika Metzner sie damals gesehen. Trotzdem brannte sich das Bild in ihr Gedächtnis ein. Als fünfjähriges Kind erlebte die heute 70-Jährige den Einfall russischer Soldaten nach Kriegsende. Im heute polnischen Köslin wurde sie Augenzeugin von Lynchmorden und Scheinerschießungen. "Wir wurden in einen Raum getrieben, wo uns alle Wertgegenstände abgenommen wurden", sagt sie. "Ein Mann wollte seinen Ehering nicht hergeben. Da hat ihn der Soldat mit dem Gewehrkolben erschlagen. Einfach so." Von dem, was danach geschah, ist ihr nichts in Erinnerung geblieben. Nur dieses blutende Loch, das den Blick auf das Gehirn freigab.

Vollkommen unvorbereitet wurde die Rentnerin vor ein paar Jahren von dem Bild überwältigt, das plötzlich in ihr Bewusstsein zurückkehrte. Nacht für Nacht erlebte sie Dinge wieder, an die sie jahrzehntelang höchstens eine diffuse Erinnerung gehabt hatte. Diese überraschende Konfrontation mit ihrer Vergangenheit ließ sie schier verzweifeln. Traumareaktivierung nennen Fachleute das Phänomen des plötzlichen Wiedererinnerns.

In der Praxis der Psychotherapeutin Helga Spranger häufen sich die Fälle von Menschen, denen sich nach vielen Jahren plötzlich Bilder längst vergangener Schrecken aufdrängen. Dass diese als Spätfolgen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert werden, ist für die Patienten oft ebenso überraschend wie der Erfolg, den eine psychotherapeutische Behandlung auch im hohen Alter noch verspricht.

PTBS, dieses Phänomen ist erst seit ein paar Jahren auch Laien ein Begriff. Katastrophenopfer – etwa Überlebende des 11. September 2001 – leiden oft noch lange Zeit unter aufblitzenden Erinnerungen ("Flashbacks"), Panikzuständen und Depressionen. Auch Bundeswehrsoldaten kehren mit diesen Symptomen aus ihrem Afghanistaneinsatz zurück. Gleichsam im Gefolge einer öffentlichen Bewusstseinsbildung erhält nun endlich auch Erika Metzners Generation – die Kinder des Zweiten Weltkriegs – mehr Beachtung für ihr Leiden, das jahrzehntelang unbeachtet geblieben war.

Nach wie vor begegneten sie der Skepsis ihrer Umgebung, beklagt Helga Spranger, die Gründerin der Hilfsorganisation kriegskind.de. "Was jahrelang als bewältigt galt, kann so schlimm ja nicht gewesen sein", umschreibt sie eine weitverbreitete Haltung. Die Berliner Traumatherapeutin Christine Knaevelsrud bestätigt diese Einschätzung: "Während therapeutischen Angeboten für traumatisierte Soldaten erhebliche staatliche Unterstützung zukommt, arbeiten wir im Bereich alter Menschen gänzlich ohne Förderung." Damit werde die Generation der zwischen 1930 und 1945 Geborenen, deren seelische Nöte im Nachkriegsdeutschland kein Gehör gefunden hätten, ein zweites Mal übergangen.

Die neurophysiologischen Vorgänge bei der Entstehung eines Traumas sind bekannt: Anders als bei der üblichen Informationsverarbeitung wird ein traumatisches Erlebnis nicht zeitlich und räumlich sortiert im Gedächtnis abgespeichert, vielmehr wird der dafür zuständige Teil des Gehirns wegen Überlastung umgangen. Neben der massiven Ausschüttung von Stresshormonen kommt es zu einer Kopplung der in der traumatischen Situation aktivierten Netzwerke – der Wahrnehmungen, der erlittenen Schmerzen, der negativen Gefühle. Das Ereignis selbst verschwindet dabei unter Umständen in den Tiefen des Bewusstseins.

Was aber führt zu einer Traumareaktivierung im hohen Alter? Und wie könnte die richtige Therapie aussehen? In beiden zentralen Fragen herrscht Uneinigkeit unter den Fachleuten: Therapeutin Spranger geht ebenso wie der Bielefelder Gedächtnisforscher Hans-Joachim Markowitsch davon aus, dass neben den veränderten Lebensbedingungen vor allem neurobiologische Umbauprozesse im zentralen Nervensystem alternder Menschen für die späte Wiederkehr alter Traumata verantwortlich sind. Während sich das Gedächtnis verschlechtere und kognitive Kontrollmechanismen wegfielen, träten offenbar verstärkt jene emotionalen Impulse zutage, die sich einst besonders stark eingebrannt hätten.