Nicht in Berlin oder München, sondern in Frankfurt (Oder) findet sich die wertvollste Kunstsammlung der Republik. Wertvoll nicht in materieller Hinsicht und auch nicht auf der Polke-, Rauch- und Richter-Skala. Die Sammlung des Museums Junge Kunst ist wertvoll, weil sie ausschließlich und lückenlos ostdeutsche Kunst zusammenträgt. Ein Schatz, den kaum jemand kennt.

Frankfurt liegt zwar nah an Berlin, aber nur geografisch. Auch das Interesse der Frankfurter an ihrem Museum scheint mäßig. Das Haus ist eigentlich pleite. Was Direktorin und Vizedirektor, die beiden einzigen Mitarbeiter, nicht davon abhält, viermal im Jahr immer wieder andere Werke aus den Behelfsdepots in die lange Renaissancehalle der alten Hansestadt zu hängen.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Ostdeutsche Kunst also. Was ist ostdeutsche Kunst? Breitschultrige Helden der Arbeit sucht man vergeblich. Stattdessen ein gekreuzigter Autoreifen des Dresdners Willy Wolff, im Westen der Republik weitgehend unbekannt. An zwei Leitplanken aufgespießt, schwebt das Rad über grüner Landstraßenlandschaft wie das Kruzifix über den Hügeln Jerusalems. Was ist das? Westkritik? Das sieht aus wie Pop-Art und ist es wieder nicht; da ist das Konsumstück, der Reifen, doch fehlen im Dresden von 1967 der Konsum, die Konjunktur des Marktes und der Triumph der Werbegrafik, der die Pop-Art gebar. Warhols Campbell-Dose ist Wolffs Trabbi-Reifen. Beides wurde zum Fetisch, die eine in der Marken-, der andere in der märkischen Landschaft.

Je weiter man in die Sammlung vordringt – zu den tonigen Collagen von Erika Stürmer-Alex, dem liegenden Akt eines Lothar Böhme oder dem Kreis auf byzantinischem Goldgrund von Manfred Luther –, desto schwerer fällt es, zu sagen, was daran ostdeutsch sein soll, ja desto absurder wird der Gedanke, dass es so etwas wie typisch ostdeutsche Kunst gebe. Was hier hängt, ist nicht holzgerahmte Regimekritik. Die gezackte Linie darf einfach nur gezackt und muss kein Stacheldraht sein. Der rote Klecks auf der Leinwand mag reflexhaft an Sowjetfahne, Blut eines Mauerflüchtlings oder Importverbot für Ketchup denken lassen – er bleibt ein Klecks, weder ostdeutsch noch westdeutsch und ohne feste Parteibindung.

Freilich sieht man auch politisch Explizites. Der Klatscher (1979) von Hans Ticha zum Beispiel. Zwei riesige Hände vor einem massigen Körper in schwarzem Anzug und blauer Krawatte mit einer Kugel als Kopf, lässt er an die gesichtslosen Claqueure des Parteikaders denken. Und natürlich gibt es jede Menge Realismus, Figürliches. Das vor Selbstbewusstsein strotzende Künstlerporträt von Curt Querner aus dem Jahr 1949 oder der Stich einer Prügelszene vor einem Eishockeytor von Baldwin Zettl. Man sage nicht, der Realismus im Sozialismus habe nur stolze Strahlemänner und frauen geschaffen.

In Frankfurt sieht man Zeugnisse von Künstlern, die trotz ihrer Ablehnung durch das Regime oder trotz ihrer Vereinnahmung durch das Regime sich ihre künstlerische Freiheit nicht verderben ließen. Wenn man dem von der SED gefragten Bildhauer Fritz Cremer vorwerfen wollte, er habe sich zum Sklaven der Partei gemacht, dann muss man Ähnliches von einer ganzen Reihe von Westkünstlern auch sagen. So wie die Abstraktion im Osten für tabu erklärt wurde, gab es im Westen eine Unterdrückung des Realismus. Wer es dort in den fünfziger Jahren wagte, gegenständlich zu arbeiten, musste sich wahlweise als Faschist oder Kommunist beschimpfen lassen.

Also, was bleibt vom Vorurteil? Erstens, ostdeutsche Kunst ist in den meisten Fällen weder sozialistisch noch antisozialistisch. Zweitens, es gibt nicht die ostdeutsche Kunst. Drittens, zu viele ostdeutsche Künstler sind im Westen völlig unbekannt. Viertens, man vergesse bitte ein für alle Mal den Schlachtruf vom sozialistischen Realismus. Und, fünftens, auch das: Die Schlote dampfen in Frankfurt schon lange nicht mehr, gehämmert wird woanders, und Kindergärten brauchen das wenige Geld, das man den Kunstmuseen nimmt. Das ist der soziale Realismus, übrigens in Ost wie West.

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