Nachdem am 26. April 1986 ein Reaktorblock des Kernkraftwerks Tschernobyl geschmolzen war, zogen nicht nur radioaktive Wolken über Westeuropa. Auch Wellen der Unsicherheit erreichten die Bevölkerung. Denn die widersprüchlichen Nachrichten und Strahlenmessungen ließen erstmals massive Zweifel an der sogenannten Expertenkultur aufkommen. "Wir sind 2000 Kilometer von dieser Unfallstelle entfernt. Eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung ist absolut auszuschließen", tönte etwa Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann am 28. April. Zwei Tage später erreichten die strahlenden Wolken Deutschland.

Inzwischen ist weitgehend geklärt, wie stark der Fallout uns Europäer damals belastet hat. Doch zwei Dutzend Jahre nach dem historischen Ereignis sind die Nachrichten und Messungen noch immer verwirrend. So wird zum Beispiel in Deutschland das Fleisch von Wildschweinen schon bei einer radioaktiven Belastung von mehr als 600 Becquerel pro Kilogramm vernichtet. Im Vereinigten Königreich dagegen darf Fleisch bis zu 1000 Becquerel pro Kilogramm verkauft werden. Und in Schweden wiederum darf man sogar noch Wildbret verspeisen, das mit bis zu 1500 Becquerel belastet ist. Dabei ist kaum anzunehmen, dass Skandinavier mehr als doppelt so strahlenresistent sind wie Deutsche.

Wie ist das Grenzwert-Chaos zu erklären? Fest steht zunächst, dass sich die Strahlenbelastungen durch den Reaktorunfall in Tschernobyl sehr unterschiedlich über Europa verteilt haben – und dass sich die einzelnen Regionen in sehr unterschiedlichem Tempo davon erholt haben. So sorgten seinerzeit starke Niederschläge dafür, dass die Radionuklide besonders über dem Süden Deutschlands aus den Wolken fielen. Im Bayerischen Wald und südlich der Donau gingen bis zu 100.000 Becquerel pro Quadratmeter nieder; in Norddeutschland waren es meist unter 4000. Im besonders stark betroffenen Münchner Raum lag laut Bundesamt für Strahlenschutz im ersten Jahr nach Tschernobyl die zusätzliche Dosis für einen Erwachsenen bei 0,1 Millisievert – das entspricht einem Zehntel der heute einzuhaltenden Jahreshöchstdosis.

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Vor allem vom radioaktiven Cäsium ist heute noch mehr als die Hälfte vorhanden. Auf Sandböden allerdings ist es ausgewaschen und ins Grundwasser verschwunden, auf tonhaltigen Äckern wiederum wird es mineralisch so fest gebunden, dass Pflanzen es nicht aufnehmen. Die Strahlung von Feldfrüchten ist daher nach Tschernobyl rasch gesunken. Im Schnitt nimmt heute jeder Deutsche jährlich 100 Becquerel aus landwirtschaftlichen Produkten auf – ein Promille der Jahreshöchstdosis.

In humusreichen Wald- und Torfböden dagegen ist radioaktives Cäsium immer noch verfügbar. Dort wird es als Salz von Mikroorganismen und Pilzen immer wieder im Nährstoffkreislauf recycelt. Deshalb sind Waldprodukte wie Wildfleisch, Pilze oder Beeren weit stärker belastet als Feldfrüchte. Das gilt besonders in Süddeutschland. Wenn dort Wildschweine bevorzugt Pilze wie die Hirschtrüffel fressen, die Cäsium besonders anreichern, dann strahlt ihr Fleisch vereinzelt mit 2000 bis 5000 Becquerel pro Kilogramm. Rehe und Hirsche dagegen übertreffen den Richtwert von 600 Becquerel pro Kilo selbst in kontaminierten Regionen kaum noch.

Auch die meisten Speisepilze sind inzwischen unbedenklich. Allerdings schwankt deren Strahlenbelastung stark, je nach Region und Pilzart. Semmelstoppelpilze aus Südbayern und dem Bayerischen Wald können noch Werte von einigen Tausend Becquerel pro Kilo aufweisen, Steinpilze und Pfifferlinge von mehreren Hundert Becquerel.

Wie stark Lebensmittel radioaktiv sein dürfen, ist in den einzelnen EU-Ländern ganz unterschiedlich geregelt. Eine gewisse Einigkeit gibt es nur bei Importen. So gilt im weltweiten Warenhandel ein Richtwert von 1000 Becquerel pro Kilo, festgelegt im Codex Alimentarius der Welternährungs- und der Weltgesundheitsorganisation. Er ist allerdings nicht bindend. Im europäischen Handel hat man sich auf einen schärferen Wert geeinigt: Produkte aus Drittländern dürfen nur eingeführt werden, wenn sie mit höchstens 600 Becquerel pro Kilo strahlen, Milch und Kindernahrung nur mit 370. Als die Europäische Kommission nach Tschernobyl eine Expertengruppe zu diesem Thema einsetzte, empfahl diese zwar auch einen Grenzwert von 1000 Becquerel pro Kilo. Aus politischen Gründen entschied sich die Kommission dann aber für einen niedrigeren Wert. Den wiederum hat Deutschland dann übernommen.

Grenzwerte sagen wenig über die Gefährdung aus

Anders, als der Name es suggeriert, ist der Grenzwert kein absolutes Maß für die Gefährlichkeit einer Strahlung, sondern eher ein dehnbares politisches Konstrukt. Drei Größen spielen dabei eine Rolle: die empfohlene Höchstdosis, die Ernährungsgewohnheiten und eine Sicherheitsmarge.

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Zur Bestimmung der Höchstdosis zieht die Internationale Strahlenschutzkommission ICRP Dosis-Wirkungs-Statistiken heran, die beispielsweise angeben, ab wann Krebserkrankungen drohen. Als Grenzwert empfehlen ICRP und die deutsche Strahlenschutzverordnung unisono 1 Millisievert. Zum Vergleich: Die natürliche Strahlenbelastung in Deutschland liegt im Mittel bei 2,1 Millisievert, an einigen Orten sogar bei bis zu 10 Millisievert. 800 Becquerel wiederum entsprechen einer Dosis von 0,01 Millisievert.

Die Dosis hängt allerdings auch von den Ernährungsgewohnheiten ab. Als Faustregel gilt: Was seltener auf den Tisch kommt, darf tendenziell stärker strahlen. Deshalb gilt zum Beispiel für Wild in Schweden ein höherer Grenzwert. Und dann wäre da noch die Sicherheitsmarge: Aus Vorsichtsgründen setzen Behörden Grenzwerte meist weit niedriger an als statistisch berechnet.

So sagen die unterschiedlichen Regelungen in Europa am Ende weniger über die Gefährlichkeit belasteter Lebensmittel aus als vielmehr über die Sensibilitäten der jeweiligen Bevölkerungen. Und dass der Grenzwert-Wirrwarr nicht beseitigt wird, hat ebenfalls einen einfachen Grund: Das Thema gilt unter Politikern als hochkontaminiert.