Eberhard Havekost will ins Fernsehen, aber er will dort nicht gesehen werden. Der berühmte Maler lässt dieser Tage ein Kamerateam zu, aber die Bedingung für das Interview ist, dass in der Sendung sein Gesicht verpixelt und seine Stimme verzerrt werden. Damit gerät der Künstler selbst zum Kunstprojekt. Er inszeniert sich als jemand, der hinter seiner Arbeit verschwindet. Doch es ist ein logischer Schritt. Das Dahinter ist Havekosts Lebensthema. Es geht ihm nie um die Oberfläche.

Von Sonnabend an ist eine Auswahl seiner Bilder in Dresden zu sehen. Die Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen im Lipsiusbau – sie freut Havekost, sie macht ihn, der zur Riege der weltweit höchstgehandelten jungen Maler zählt, aber auch hochnervös. Weniger der Fakt, dass es seine erste große museale Schau in Dresden ist; eher die Tatsache, dass er in dieser Stadt 30 Jahre lang gelebt hat. "Es ist für mich leichter, in New York eine Ausstellung zu eröffnen als hier", sagt er: "Dort geht es nur um meine Bilder. Hier geht es immer auch um mich, um den Havekost, um den Ebs." Jenen Ebs, so sein Spitzname, der in Dresden-Hosterwitz in einem Künstlerhaushalt aufgewachsen ist; der die berühmte Kreuzschule besuchte und später den Beruf des Steinmetzes erlernte – seine Eltern bestanden auf einer soliden Ausbildung. Künstler wurde Havekost trotzdem. Nun also wird er in seiner Geburtsstadt geehrt: "Ich wollte diese Ausstellung nicht", sagt er, "ich habe nicht ‚bitte, bitte’ gesagt. Ich dachte immer, solch eine Ausstellung bekommt man nur zu großen Jubiläen, wenn man 50 ist oder 70."

Eberhard Havekost ist 43. Er wird in einem Atemzug mit Daniel Richter, Jonathan Meese und Neo Rauch genannt. Gerade sitzt er etwas verloren in seinem großen, unaufgeräumten Atelier in einem Berliner Fabrikgebäude am Rande von Kreuzberg. Da stapeln sich Hölzer in verschiedenen Größen. Havekost baut die Keilrahmen für seine Bilder selbst. Anders als manche seiner Kollegen beschäftigt er keine Assistenten, die seine Leinwände grundieren. Er will alles im Griff haben. Und weiß doch, dass er es nicht allen recht machen kann. Selbst wenn er die Entstehung des Katalogs Seite für Seite, Bild für Bild, Zeile für Zeile genau überwacht oder wenn er jedes der 65 Gemälde eigenhändig, auf den Millimeter genau, in der großen Kunsthalle im Lipsiusbau hängt – irgendwer werde sowieso schreien, sagt er gelassen.

Mit Unbehagen denkt er an die Ausstellungseröffnung: "Ich halte das schwer aus. Die vielen Menschen, jeder meint, mich zu kennen, mich umarmen zu müssen. Und dann die vielen Reden! Ich bin da sehr verwundbar", sagt er leise und auch, dass er es hasse, im Mittelpunkt zu stehen. Ausgerechnet er, der ehemalige Chorknabe, will keine Bühne mehr. Menschenmengen ertrage er nur auf Tanzflächen. Wo jeder ohnehin sein Ding macht, erst recht er, der Künstler als DJ, der Musik auflegt in angesagten Berliner Clubs oder auch nur auf Partys für Freunde.

Spricht man Havekost auf den Hype um die Leipziger Schule an, wird er einsilbig. Diese wilde Zeit, die vor etwa zehn Jahren begann und mit der jüngsten Weltwirtschaftskrise jäh endete, ist für ihn längst abgehakt. Jene Zeit, als Werke vieler ostdeutscher Künstler geradezu als Bückware gehandelt wurden. Als Sammler aus Übersee die Galeristen überrannten – auf der Suche nach Kunst mit DDR-Grundierung. Havekost fühlte sich nie dieser Schule angehörig, auch wenn er ihr einen Teil seines Erfolges verdankt. Weniger als 30.000 Euro kostet heute keines seiner Bilder; sechsstellige Beträge sind durchaus üblich. "Diese Einordnung durch die Journalisten damals war einfach schräg", sagt Havekost schließlich, "so stelle ich mir Kriegsberichterstattung vor. Es berichten Leute, die eigentlich gar nicht vor Ort sind, die nicht wissen, worum es geht. Es geht in der Kunst nicht nur um den Marktwert. Man muss schon was vorlegen, wenn man Bestand haben will. Ohne Leistung bricht man ein, früher oder später."

Dass er mithält, beweisen nicht nur aufsehenerregende Auftritte in Los Angeles, London oder New York, auch große Einzelausstellungen, ob im Kunstmuseum Luzern, im Stedelijk Museum in Amsterdam oder in der Schirn in Frankfurt. "Wissen Sie, was jetzt wichtig ist?", fragt Havekost: "Ich muss jetzt zeigen, was ich kann. Darauf kommt es an. Deshalb bedeutet mir die Ausstellung in Dresden so viel. Sie ist sozusagen eine Nachricht an alle, eine Botschaft." Aber welche?