Ein schöneres Szenario für ihr fünfjähriges Amtsjubiläum hätte Angela Merkel sich gar nicht wünschen können. Deutschland erlebt einen Wirtschaftsboom wie seit Jahrzehnten nicht mehr, in manchen Regionen macht schon die Arbeitslosigkeit der Vollbeschäftigung Platz, made in Germany ist weltweit gefragt wie lange nicht mehr. Der so einprägsam wie illusionär klingende Satz der Kanzlerin aus dem Wahlkampf, Deutschland müsse stärker aus der Krise herauskommen, als es hineingegangen sei, klingt inzwischen nicht mehr nach Wählerfang, sondern wie eine plausible Prognose. So könnte sie die Kanzlerin werden, unter deren Führung es gelingt, die schwerste ökonomische Erschütterung der letzten Jahrzehnte zu meistern. Es wäre der Sockel für eine beachtliche Kanzlerschaft: Kohl und die Einheit, Schröder und die Reformagenda, Merkel und das neue deutsche Wirtschaftswunder.

Trotz des ökonomischen Aufschwungs ist Merkels Rückhalt unsicher

Doch von solch historischen Würdigungen ist derzeit wenig zu spüren, die Boomkanzlerin feiert ihr Amtsjubiläum unter schwierigen Umständen. Denn obwohl der ökonomische Aufschwung auch das Ansehen der Regierungschefin in die Höhe treiben müsste, bleibt ihr öffentlicher Rückhalt unsicher. Glaubt man der Stimmung dieser Tage, würde eine erdrückende Mehrheit der Deutschen lieber den vielversprechend-glamourösen Karl-Theodor zu Guttenberg ins Kanzleramt schicken als die geerdete, erfahrene, erfolgreiche Kanzlerin. Dass die wirtschafts- und sicherheitsfixierten Deutschen Angela Merkel nicht belohnen wollen, dass ihre Erfolge kein wirkliches Vertrauen wecken, darin steckt für die Kanzlerin ein ziemlich bedrohliches Rätsel.

Teflon-Politiker nennt man gemeinhin solche, an denen kein Skandal oder Misserfolg hängen bleibt. Merkel zeigt gerade, dass das auch anders gelten kann: Kein Erfolg wird ihr wirklich zugerechnet. Möglicherweise liegt eine Erklärung für diese Art Undank darin, dass die Deutschen nicht so genau wissen, wem sie da danken sollen. Schließlich durften sie in den vergangenen fünf Jahren nicht eine, sondern mindestens drei verschiedene Kanzlerinnen erleben: die moderierende der Großen Koalition, die passiv-desolate der ersten zehn schwarz-gelben Monate und die brachial-entschlossene, als die sie seit dem Ende der Sommerpause wahrgenommen werden will. Für jede dieser Rollen aus den vergangenen fünf Jahren gab es Gründe und Erklärungen: zuerst den Zwang zum Ausgleich mit den Sozialdemokraten, anschließend die überschießende Unerfahrenheit des Koalitionspartners FDP. Nun also folgt die nächste Zäsur, Merkels Wende ins Konfrontative. Sie zielt erkennbar auf die Konturierung der Koalition und die Befriedung der Stammklientel. Doch wie lange darf die Bundeskanzlerin noch darauf hoffen, dass auch das restliche Publikum bereit ist, ihrer jeweils neuesten Metamorphose zu folgen? Was wohlwollend betrachtet als Ausweis für ideologieferne Flexibilität durchgehen kann, führt eben auch zur Verschleierung der zentralen Führungsfigur der deutschen Politik. Die Angela Merkel der Wenden und Neuprofilierungen schafft eher Verwirrung als Vertrauen. In Erinnerung bleiben vor allem die Volten, nicht die verschiedenen Haltungen.

Das macht es besonders schwer, die jüngste Wandlung ernst zu nehmen, mit der die einst präsidial und diskursiv auftretende Kanzlerin nun plötzlich auf Polarisierung setzt. Merkel dementiert Merkel. Und da ihre neue Rolle und die dazugehörigen Entscheidungen Protest auslösen, stellt sie die jüngste Phase ihrer Kanzlerschaft kurzerhand in die Kontinuität zu ihren großen Vorgängern Adenauer und Kohl. Auch deren historische Weichenstellungen seien schließlich umkämpft gewesen und hätten sich dann als historisch notwendig und richtig erwiesen. Doch von Westbindung, Wiederbewaffnung, Nachrüstung und Euro führt kein gerader Weg zum Stuttgarter Tiefbahnhof oder zur Laufzeitverlängerung für überalterte Atommeiler. Die Überhöhung wirkt skurril. Und der Kanzlerin, die in ihren ersten Amtsjahren viel Konsensuales zuwege gebracht hat, gelten nun plötzlich Kampf und Protest als Indikatoren für die richtige Sache. 

In einer Zeit, in der die bürgerliche Mitte auf die Straße geht, in der sich das Verhältnis zwischen Politik und Gesellschaft verschiebt und die Entfremdung zwischen beiden Sphären wächst, hat Angela Merkel den Ton verschärft – in der Migrations-, der Energie- und der Sicherheitsdebatte. Und auf die unübersichtlich gewordenen Verhältnisse reagiert sie mit der Wiederbelebung alter Lager-Reflexe. Schwarz-Gelb wird plötzlich zur politischen Mission. Alles andere ist von Übel. Da war die Kanzlerin schon mal weiter.

Die CDU, das wurde auf ihrem Parteitag in Karlsruhe deutlich, nimmt die jüngste Volte ihrer Vorsitzenden freudig auf. Während der alte Partei-Haudegen Heiner Geißler als Schlichter in Stuttgart langsam zur Legende gerät, schärft Merkel die politischen Verhältnisse im Land ein bisschen an.

Ihre Umkehr ins Konfrontative ist die riskanteste ihrer bisherigen fünf Amtsjahre. Sie wirkt waghalsig und zugleich ein bisschen verzweifelt. Ob auf diesem Weg wirklich noch einmal Erfolge zu feiern sind, darüber wird bei den Wahlen im März befunden. Möglich, dass dann ein Bahnhof über Angela Merkels politische Zukunft entscheidet.

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