Das Reich von Martina Nowak beginnt bei einem Verkaufstisch mit Herrenpullis, setzt sich fort bei den Regalen mit säuberlich aufeinandergestapelten Hemden und endet bei bunten Krawatten. Rund 500 Quadratmeter umfasst das alles. Frau Nowak ist Abteilungsleiterin in einem Textilkaufhaus. Sie sagt lieber "Verantwortliche" dazu.

Es ist Dienstschluss, 19 Uhr, bald ist in den Malls des Wiener Donauzentrums nicht mehr viel los. Frau Nowak entspannt im Café Tauber, ein Stockwerk über ihrem Geschäft, bei Melange und Zigarette. Vor nahezu dreißig Jahren begann sie hier ihre Lehre zur Einzelhandelskauffrau, vor einem halben Jahr wurde sie zur Abteilungsleiterin befördert. Sie kennt nur diesen Arbeitsplatz.

Dort schlichtet die zierliche 44-Jährige Hemden nach Marke und Farbe, nach Schnitt und Preis. Sie telefoniert mit Kunden, hetzt zwischen Lager und Geschäft hin und her, sie lächelt und fragt, ob die Ware passt. 35 Stunden in der Woche, für 1400 Euro brutto im Monat.

"Mein Job macht mir Spaß", behauptet sie und meint es ernst. Sie gehört zu den Menschen, mit denen alle gut auskommen, ihre Kollegen können sich auf sie verlassen. Die zweifache Mutter hat jeden zweiten Samstag Dienst, alle paar Jahre geht sie in Krankenstand, wenn es gar nicht anders geht. "Ich bin robust", sagt sie. Die Frau mit dem gewinnenden Lächeln ist die Wunschmitarbeiterin jedes Betriebs – und trotzdem dachte sie in all den Jahren nie daran, eine Gehaltserhöhung zu verlangen. "Es wird ohnehin nach Kollektivvertrag bezahlt", ist sie überzeugt.

In keiner anderen Branche arbeiten so viele Frauen wie im Handel – ein Fünftel aller erwerbstätigen Frauen ist hier tätig, mehr als im Gesundheitswesen oder im Bildungsbereich. Frauen machen fast 80 Prozent aller Handelsangestellten aus, mit einem Durchschnittsgehalt von 980 Euro verdienen sie um 350 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen. Jede zweite Frau ist teilzeitbeschäftigt, viele von ihnen würden gerne mehr arbeiten und dadurch auch mehr Geld mit nach Hause nehmen. Doch Vollzeitjobs sind Mangelware, und um eine Stundenerhöhung muss oft lange mit der Betriebsführung gestritten werden.

Nicht so Frau Nowak. Ihre jüngere Tochter sei kürzlich in eine neue Schule gekommen, erzählt sie, so vieles sei offen momentan. Die Verkäuferin ist Alleinerzieherin. Nicht ihre Scheidung vor vier Jahren war es, die ihre berufliche Situation verändert hat, sondern die Geburt der älteren Tochter vor 19 Jahren: "Kinderbetreuung hat es keine gegeben. Es war ganz klar, dass ich zu Hause bleibe." Mit Kind gab es für sie nur noch Teilzeit. Die Karrieren der Männer zogen an ihr vorbei. Etwa jene ihres Chefs. Der ist ebenfalls Mitte vierzig, trägt spitze Schuhe und pinkfarbenes Hemd. Heute ist Günther Juranitsch Filialleiter. Als es vor der Drehtür des Einkaufszentrums noch keine U-Bahnstation gab, hatte auch er hier als Lehrling begonnen. Gemeinsam mit Martina Nowak.