Im Griff der schwarzen Taliban – Seite 1

Dadachabulla/Liboi/Dadaab (Kenia) In Fatiahs Laden ist nicht viel übrig geblieben seit jener Nacht im Mai. Die Wände aus Lehm und Ziegelsteinen sind kahl, die Regale leer geräumt. Ein Holzstuhl steht noch da, auf den setzt sie sich mit einem ihrer kleinen Kinder. Sie trägt einen langen dunklen Umhang, der Kopf und Gesicht bedeckt, ein Schlitz gibt den Blick frei auf ihre Augen. "Es war der 26. Mai", erzählt Fatiah (alle Namen der Personen geändert). "Der Mann kam mir gleich verdächtig vor. Er lungerte tagsüber einige Stunden im Dorf herum, telefonierte und verschwand dann."

In der Nacht rasten Pick-up-Trucks und Kleinbusse auf Fatiahs Hof in Dadachabulla, einem kleinen Dorf im Südosten Kenias nahe der Grenze zu Somalia. Bewaffnete Männer sprangen heraus, deckten Fatiahs Haus und ihre Fahrzeuge mit einem Kugelhagel ein, trieben ihre zehn Kinder und weitere Verwandte zusammen und suchten zwei Stunden Haus und Hof nach ihr und ihrem Mann ab. "Mein Mann war auf Reisen. Ich hatte mich unter einem der Kinderbetten versteckt. Sie haben mich nicht gefunden." Die Bewaffneten plünderten das Geschäft, stahlen 400000 kenianische Schilling (etwa 4000 Euro) und verschwanden mit drei ihrer Angehörigen. Die kehrten einige Tage später zurück. "Man sah, dass sie gefoltert worden waren", sagt Fatiah.

Um die Karte zu vergrößern, klicken sie auf das Bild © ZEIT Grafik

Jeder im Dorf weiß, wer die Täter waren – und dass es ihnen um mehr ging als um Fatiahs Vorräte und ihr Erspartes. Al-Shabaab hatte zugeschlagen, jene islamistische Miliz in Somalia, die schon seit Jahren die vom Westen und von den afrikanischen Nachbarn unterstützte Übergangsregierung in Mogadischu mit militärischen Attacken und Selbstmordattentaten bekämpft. Derzeit kontrolliert die Miliz den Süden Somalias und versucht, in den Osten Kenias zu expandieren. Ein religiös fundamentalistisches Kalifat in Ostafrika ist al-Shabaabs Ziel, und spätestens seit sie sich zum Verbündeten al-Qaidas erklärt hat, gilt Somalia als weiterer Schauplatz im "Krieg gegen den Terror". In den ist nun auch das Dorf Dadachabulla hineingeraten.

Der Ort besteht aus einigen Hundert Lehmhäusern, drei sandigen Trampelpfaden, mehreren kleinen Läden, einer Moschee und einem kleinen Hotel, das Fatiahs Familie gehört. Die nächste geteerte Straße liegt 200 Kilometer entfernt, dazwischen erstreckt sich eine Wüstenlandschaft mit Gestrüpp und vereinzelten Bäumen. Einst befand sich hier einer der größten Kamelmärkte der Region, doch mit dem Beginn des somalischen Bürgerkriegs 1991 kam der Handel zum Erliegen. Heute leben die Einheimischen von ihren Viehherden und vom Grenzhandel. Sie gehören zum Volk der Somalis, siedeln hier seit Generationen und haben sich nie um die Grenze geschert, welche britische und italienische Kolonialherren einst zwischen Somalia und Kenia zogen. Waren, Waffen, Händler, Schmuggler und Kämpfer kreuzen ungehindert zwischen beiden Ländern hin und her. "Al-Shabaab weiß, was in unseren Dörfern passiert, und wir wissen, was auf somalischer Seite in ihren Regionen geschieht", sagt Bishar Mohammed vom Ältestenrat in Dadachabulla. "Wir haben Kontakte und Verwandte auf der anderen Seite der Grenze, genau wie sie bei uns."

In Dadachabulla leben vor allem Angehörige eines Klans, der sich gegen al-Shabaab gestellt hat. Ebenso wie in Afghanistan operieren auch in Somalia mehrere radikalislamistische Fraktionen. Die Bewohner von Dadachabulla sollen mit der Hizbul Islam paktiert haben, Gegner von al-Shabaab. Eine Entscheidung, die vermutlich eher auf Klanloyalitäten und Überlebensstrategie beruht als auf politischen Erwägungen. Neutralität kann sich in diesen Zeiten kaum ein Klan leisten.

Der Überfall vom 26. Mai traf eine der reichsten Familien im Dorf, eine Familie, die Einfluss hatte. "Die Bewohner", sagt Fatiah, die den Einkaufsladen führte, "kamen zu uns ins Haus, weil wir einen Fernseher besaßen, vor allem aber, weil wir Rat gegeben und Streite geschlichtet haben. Jetzt traut sich niemand mehr, uns zu helfen oder sich auch nur in unserer Nähe zu zeigen." Die Polizei hat inzwischen eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Eine unnötige Maßnahme, weil sich schon tagsüber kaum noch jemand auf die Straße traut.

Dadachabulla, Liboi, Hulugho – in all diesen kenianischen Grenzdörfern weitab von Mogadischu, weitab auch von den Krisensitzungen internationaler Diplomaten, bietet sich das gleiche Bild einer neuen Front in einem Expansionskrieg von al-Shabaab. Der richtet sich ebenso gegen vermeintlich feindliche Dörfer wie gegen den kenianischen Staat, dessen Militär die Übergangsregierung in Mogadischu unterstützt.

 

Nun hat die Regierung in Nairobi mehrere Tausend Soldaten zur Sicherung der Grenze mit Somalia entsandt. Es ist eine ähnlich unlösbare Aufgabe wie der Versuch, die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan zu kontrollieren. Die kenianischen Truppen sollen einen Landstrich über 700 Kilometer Länge sichern – und verlieren sich buchstäblich in der Wüste. "Wenn al-Shabaab will", sagt der lokale Polizeichef von Dadachabulla, "dann können sie den Ort morgen überrennen. Was sollen wir machen? Zu Fuß fliehen? Man muss sich irgendwie mit ihnen einigen." Seine Polizisten haben keine Fahrzeuge und kaum Waffen.

Wer Fußball im Fernsehen schaut, dem droht die Prügelstrafe

Die Einzigen, so scheint es, die reguläre Grenzposten ernst nehmen, sind die Flüchtlinge. Jeden Morgen kauern Dutzende somalische Familien am Übergang von Liboi, etwa zehn Kilometer von Dadachabulla entfernt, um sich registrieren zu lassen und in eines der Camps zu wandern. Sie haben tagelange Fußmärsche hinter sich, tragen Kinder und ein paar Habseligkeiten auf dem Rücken. Das drakonische Scharia-Regime von al-Shabaab hätten viele noch hingenommen, dabei hat die Miliz öffentliche Exekutionen eingeführt, Fernsehen, Musik und Sport verboten. Sogar die Spiele der Fußball-WM in Südafrika zu verfolgen wurde in den von al-Shabaab kontrollierten Gebieten zu einem Akt des Widerstands, der Prügelstrafe, wenn nicht Schlimmeres nach sich ziehen konnte: Anschläge auf Fußballfans, die zum gemeinsamen Fernsehen versammelt waren, sind im Juli dieses Jahres in der ugandischen Hauptstadt Kampala die ersten großen Attentate von al-Shabaab außerhalb von Somalia gewesen.

Mehr noch als die politische Unterdrückung treibt jedoch ökonomische Not die Menschen über die Grenze nach Kenia. Anders als islamistische Hardliner in Pakistan, die dort nach der Flutkatastrophe mit Medikamenten, Decken und Essen als Nothelfer auftraten, versucht al-Shabaab gar nicht erst, sich als soziales Netzwerk zu tarnen. Seit die Miliz alle Hilfsorganisationen aus den von ihr kontrollierten Gebieten verbannt hat, sind die Menschen nach Dürreperioden oder Fluten völlig auf sich allein gestellt.

Flüchtlinge bauen sich Zelte aus Lappen und Plastiktüten

Hinzu kommt ein nahezu mafiöses Schutzgeldsystem. Einer ohnehin bitterarmen Bevölkerung haben die Milizen harsche Wegzölle und Steuern auferlegt. Flüchtlinge berichten von immer neuen Zwangsabgaben: "Steuern" für gefälltes Brennholz, "Steuern" auf den Besitz von ein Paar Kühen oder Ziegen. In den Flüchtlingslagern an der Grenze trifft man Familien wie die von Guhad Hire, 41 Jahre alt, der vor zwei Monaten mit seiner Frau und sieben Kindern nach 25 Tagen Fußmarsch ankam. Es sind Lager mitten im Niemandsland, jede Familie fegt sich ein paar Quadratmeter verdorrte Erde frei von Steinen und Büschen. Guhad Hire hat aus Lappen und Plastiktüten ein paar Zelte gebaut und hofft auf eine bessere Behausung. Irgendwann. In Somalia betrieb Hire ein kleines Fuhrunternehmen, das aus einem Esel und einem Zugkarren bestand. 500 Schilling (etwa fünf Euro) Zwangsabgabe pro Tag verlangte al-Shabaab. Vor allem aber verlangte die Miliz mindestens einen von Guhads Söhnen. "Zuerst versprechen sie den Jungen Geld, damit sie sich al-Shabaab anschließen. Wenn die Eltern dann Nein sagen, werden sie ausgepeitscht." Seinen 24-jährigen Sohn Abukar hatten sie bereits zwangsrekrutiert, ihm gelang es, nach wenigen Tagen aus dem Ausbildungslager zu fliehen. "Wenn du nicht mit ihnen kämpfen willst, beschuldigen sie dich, die Übergangsregierung zu unterstützen. Aber ich bin weder für die eine Seite noch für die andere", sagt Abukar. "Ich will endlich Arbeit, keine Waffe."

Echte Sicherheit bietet das Flüchtlingslager nicht. Al-Shabaab hat auch in den Camps Verbindungsleute, die nach Rekruten Ausschau halten. Und so verhasst die Miliz bei vielen Flüchtlingen sein mag, die Suche nach Nachwuchs funktioniert offenbar auch ohne Zwang. Oft genügt es zu warten. Warten, bis der Frust, die Armut und die Propaganda vom "islamischen Erwachen" und vom "heiligen Krieg" gegen die westlich unterstützte Regierung in Mogadischu wirken und männliche Jugendliche die Öde des Lagerlebens mit dem Drill des Ausbildungscamps eintauschen wollen. Auch damit lässt sich ein Geschäft machen: In Garissa, der nächstgrößeren Stadt, erklärt sich Ahmed, ein 40-jähriger Kenianer, zu einem Treffen bereit. Zweimal im Monat transportiert er Rekruten aus den Flüchtlingslagern zurück nach Somalia zu den Stützpunkten von al-Shabaab – für 3000 Dollar im Monat. Sein Gesicht verbirgt er hinter einem Schal, sein Misstrauen schlägt zwischendurch in offene Feindseligkeit um, entsprechend kurz ist das Gespräch. Von Zwangsrekrutierung will Ahmed nichts wissen. "Die Jungen sind zwischen 15 und 18 und sehen stolz und zufrieden aus. Die zwingt keiner zu kämpfen, die gehen freiwillig." Ein Teufelskreis, in dem al-Shabaabs Terror gegen die eigene Bevölkerung jenes Flüchtlingselend produziert, das der Miliz den Nachwuchs garantiert.

 

Genau hier, im Grenzgebiet, befindet sich auch eine der wichtigsten Geldquellen von al-Shabaab: die somalisch-kenianische Handelsroute für Konsumgüter.

Handelsströme halten sich nie an Kriegsfronten, sie passen sich an. Das galt für den Bosnienkrieg, das gilt heute für Afghanistan oder das Horn von Afrika. Die ethnischen Somalis in der kenianischen Grenzregion fühlen sich nicht nur kulturell und sprachlich, sondern auch ökonomisch viel stärker an Somalia als an Kenia gebunden. Was im Osten Kenias an Zucker, Textilien und elektronischen Geräten gekauft wird, kommt nicht über Nairobi auf den lokalen Markt, sondern wird aus Dubai an den somalischen Hafen von Kismayo und von dort durch kleine Schmugglergruppen über die Grenze nach Kenia und in Dörfer wie Dadachabulla oder Liboi gebracht. Die Schmuggler bezahlen al-Shabaab dafür, dass sie den Warenstrom ungestört weiter fließen lässt – ähnlich wie die afghanischen Taliban für jeden Hilfs- und Warenkonvoi abkassieren, den sie passieren lassen.

Einiges deutet darauf hin, dass al-Shabaab die poröse Grenze auch nutzt, um Waffen nach Kenia hineinzuschmuggeln. Die innenpolitische Lage dort ist ohnehin labil seit einem ethnisierten Minibürgerkrieg im Westen des Landes, ausgelöst durch manipulierte Ergebnisse nach den Wahlen im Dezember 2007. An anderen Ecken des Landes zu zündeln und Kenia zu destabilisieren läge durchaus im Interesse von al-Shabaab.

Wie weit ihr politisch-wirtschaftlicher Arm bereits ins Nachbarland hineinreicht, demonstriert die Miliz weiterhin in Dadachabulla. Nach dem Überfall Ende Mai verhängte sie ein Wirtschaftsembargo gegen den Ort – als Strafe für dessen angebliche Allianz mit der rivalisierenden Hizbul Islam. Die Bewohner erhielten keine Waren mehr via Kismayo und aus den somalischen Städten, sondern mussten alle notwendigen Güter aus Nairobi beziehen, zum doppelten Preis. Der Familie von Fatiah droht damit der Ruin. Der Laden ist leer, das Benzin für den Generator ist unbezahlbar geworden und damit auch die Kühltruhe, in der früher Waren frisch gehalten werden konnten. Für die zerschossenen Fahrzeuge des familieneigenen Transportunternehmens sind nirgendwo Ersatzteile zu bekommen. Ganz zu schweigen von den Spuren, die der Angriff in der Familie hinterlassen hat. 

Einen ihrer Söhne hat Fatiah zu Verwandten nach Nairobi geschickt. Eine der Töchter, die in jener Nacht verwundet wurde, ist seither traumatisiert. Über ihre Zukunft weiß Fatiah nur, dass die nicht mehr in ihrer Hand liegt, sondern abhängt von einem großen Machtkampf, der heute in Afrika ausgetragen wird.

Aus dem Englischen von Andrea Böhm