Nun hat die Regierung in Nairobi mehrere Tausend Soldaten zur Sicherung der Grenze mit Somalia entsandt. Es ist eine ähnlich unlösbare Aufgabe wie der Versuch, die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan zu kontrollieren. Die kenianischen Truppen sollen einen Landstrich über 700 Kilometer Länge sichern – und verlieren sich buchstäblich in der Wüste. "Wenn al-Shabaab will", sagt der lokale Polizeichef von Dadachabulla, "dann können sie den Ort morgen überrennen. Was sollen wir machen? Zu Fuß fliehen? Man muss sich irgendwie mit ihnen einigen." Seine Polizisten haben keine Fahrzeuge und kaum Waffen.

Wer Fußball im Fernsehen schaut, dem droht die Prügelstrafe

Die Einzigen, so scheint es, die reguläre Grenzposten ernst nehmen, sind die Flüchtlinge. Jeden Morgen kauern Dutzende somalische Familien am Übergang von Liboi, etwa zehn Kilometer von Dadachabulla entfernt, um sich registrieren zu lassen und in eines der Camps zu wandern. Sie haben tagelange Fußmärsche hinter sich, tragen Kinder und ein paar Habseligkeiten auf dem Rücken. Das drakonische Scharia-Regime von al-Shabaab hätten viele noch hingenommen, dabei hat die Miliz öffentliche Exekutionen eingeführt, Fernsehen, Musik und Sport verboten. Sogar die Spiele der Fußball-WM in Südafrika zu verfolgen wurde in den von al-Shabaab kontrollierten Gebieten zu einem Akt des Widerstands, der Prügelstrafe, wenn nicht Schlimmeres nach sich ziehen konnte: Anschläge auf Fußballfans, die zum gemeinsamen Fernsehen versammelt waren, sind im Juli dieses Jahres in der ugandischen Hauptstadt Kampala die ersten großen Attentate von al-Shabaab außerhalb von Somalia gewesen.

Mehr noch als die politische Unterdrückung treibt jedoch ökonomische Not die Menschen über die Grenze nach Kenia. Anders als islamistische Hardliner in Pakistan, die dort nach der Flutkatastrophe mit Medikamenten, Decken und Essen als Nothelfer auftraten, versucht al-Shabaab gar nicht erst, sich als soziales Netzwerk zu tarnen. Seit die Miliz alle Hilfsorganisationen aus den von ihr kontrollierten Gebieten verbannt hat, sind die Menschen nach Dürreperioden oder Fluten völlig auf sich allein gestellt.

Flüchtlinge bauen sich Zelte aus Lappen und Plastiktüten

Hinzu kommt ein nahezu mafiöses Schutzgeldsystem. Einer ohnehin bitterarmen Bevölkerung haben die Milizen harsche Wegzölle und Steuern auferlegt. Flüchtlinge berichten von immer neuen Zwangsabgaben: "Steuern" für gefälltes Brennholz, "Steuern" auf den Besitz von ein Paar Kühen oder Ziegen. In den Flüchtlingslagern an der Grenze trifft man Familien wie die von Guhad Hire, 41 Jahre alt, der vor zwei Monaten mit seiner Frau und sieben Kindern nach 25 Tagen Fußmarsch ankam. Es sind Lager mitten im Niemandsland, jede Familie fegt sich ein paar Quadratmeter verdorrte Erde frei von Steinen und Büschen. Guhad Hire hat aus Lappen und Plastiktüten ein paar Zelte gebaut und hofft auf eine bessere Behausung. Irgendwann. In Somalia betrieb Hire ein kleines Fuhrunternehmen, das aus einem Esel und einem Zugkarren bestand. 500 Schilling (etwa fünf Euro) Zwangsabgabe pro Tag verlangte al-Shabaab. Vor allem aber verlangte die Miliz mindestens einen von Guhads Söhnen. "Zuerst versprechen sie den Jungen Geld, damit sie sich al-Shabaab anschließen. Wenn die Eltern dann Nein sagen, werden sie ausgepeitscht." Seinen 24-jährigen Sohn Abukar hatten sie bereits zwangsrekrutiert, ihm gelang es, nach wenigen Tagen aus dem Ausbildungslager zu fliehen. "Wenn du nicht mit ihnen kämpfen willst, beschuldigen sie dich, die Übergangsregierung zu unterstützen. Aber ich bin weder für die eine Seite noch für die andere", sagt Abukar. "Ich will endlich Arbeit, keine Waffe."

Echte Sicherheit bietet das Flüchtlingslager nicht. Al-Shabaab hat auch in den Camps Verbindungsleute, die nach Rekruten Ausschau halten. Und so verhasst die Miliz bei vielen Flüchtlingen sein mag, die Suche nach Nachwuchs funktioniert offenbar auch ohne Zwang. Oft genügt es zu warten. Warten, bis der Frust, die Armut und die Propaganda vom "islamischen Erwachen" und vom "heiligen Krieg" gegen die westlich unterstützte Regierung in Mogadischu wirken und männliche Jugendliche die Öde des Lagerlebens mit dem Drill des Ausbildungscamps eintauschen wollen. Auch damit lässt sich ein Geschäft machen: In Garissa, der nächstgrößeren Stadt, erklärt sich Ahmed, ein 40-jähriger Kenianer, zu einem Treffen bereit. Zweimal im Monat transportiert er Rekruten aus den Flüchtlingslagern zurück nach Somalia zu den Stützpunkten von al-Shabaab – für 3000 Dollar im Monat. Sein Gesicht verbirgt er hinter einem Schal, sein Misstrauen schlägt zwischendurch in offene Feindseligkeit um, entsprechend kurz ist das Gespräch. Von Zwangsrekrutierung will Ahmed nichts wissen. "Die Jungen sind zwischen 15 und 18 und sehen stolz und zufrieden aus. Die zwingt keiner zu kämpfen, die gehen freiwillig." Ein Teufelskreis, in dem al-Shabaabs Terror gegen die eigene Bevölkerung jenes Flüchtlingselend produziert, das der Miliz den Nachwuchs garantiert.