Genau hier, im Grenzgebiet, befindet sich auch eine der wichtigsten Geldquellen von al-Shabaab: die somalisch-kenianische Handelsroute für Konsumgüter.

Handelsströme halten sich nie an Kriegsfronten, sie passen sich an. Das galt für den Bosnienkrieg, das gilt heute für Afghanistan oder das Horn von Afrika. Die ethnischen Somalis in der kenianischen Grenzregion fühlen sich nicht nur kulturell und sprachlich, sondern auch ökonomisch viel stärker an Somalia als an Kenia gebunden. Was im Osten Kenias an Zucker, Textilien und elektronischen Geräten gekauft wird, kommt nicht über Nairobi auf den lokalen Markt, sondern wird aus Dubai an den somalischen Hafen von Kismayo und von dort durch kleine Schmugglergruppen über die Grenze nach Kenia und in Dörfer wie Dadachabulla oder Liboi gebracht. Die Schmuggler bezahlen al-Shabaab dafür, dass sie den Warenstrom ungestört weiter fließen lässt – ähnlich wie die afghanischen Taliban für jeden Hilfs- und Warenkonvoi abkassieren, den sie passieren lassen.

Einiges deutet darauf hin, dass al-Shabaab die poröse Grenze auch nutzt, um Waffen nach Kenia hineinzuschmuggeln. Die innenpolitische Lage dort ist ohnehin labil seit einem ethnisierten Minibürgerkrieg im Westen des Landes, ausgelöst durch manipulierte Ergebnisse nach den Wahlen im Dezember 2007. An anderen Ecken des Landes zu zündeln und Kenia zu destabilisieren läge durchaus im Interesse von al-Shabaab.

Wie weit ihr politisch-wirtschaftlicher Arm bereits ins Nachbarland hineinreicht, demonstriert die Miliz weiterhin in Dadachabulla. Nach dem Überfall Ende Mai verhängte sie ein Wirtschaftsembargo gegen den Ort – als Strafe für dessen angebliche Allianz mit der rivalisierenden Hizbul Islam. Die Bewohner erhielten keine Waren mehr via Kismayo und aus den somalischen Städten, sondern mussten alle notwendigen Güter aus Nairobi beziehen, zum doppelten Preis. Der Familie von Fatiah droht damit der Ruin. Der Laden ist leer, das Benzin für den Generator ist unbezahlbar geworden und damit auch die Kühltruhe, in der früher Waren frisch gehalten werden konnten. Für die zerschossenen Fahrzeuge des familieneigenen Transportunternehmens sind nirgendwo Ersatzteile zu bekommen. Ganz zu schweigen von den Spuren, die der Angriff in der Familie hinterlassen hat. 

Einen ihrer Söhne hat Fatiah zu Verwandten nach Nairobi geschickt. Eine der Töchter, die in jener Nacht verwundet wurde, ist seither traumatisiert. Über ihre Zukunft weiß Fatiah nur, dass die nicht mehr in ihrer Hand liegt, sondern abhängt von einem großen Machtkampf, der heute in Afrika ausgetragen wird.

Aus dem Englischen von Andrea Böhm