Es ist ein historisches Comeback: Nur 16 Monate nach der spektakulären Pleite und der umstrittenen Rettung durch den US-Steuerzahler kehrt General Motors (GM) triumphierend an die Börse zurück . Mehr als 23 Milliarden Dollar hat der Börsengang jüngsten Berechnungen zufolge in die Unternehmenskasse der Detroiter gespült. Doch bei ihrer Werbetour vor internationalen Investoren hatten GM-Manager vor allem eine Botschaft: die Stärke des US-Autobauers in China und anderen Schwellenländern. Dort wird sich langfristig das Rennen um künftiges Wachstum in der Autobranche entscheiden, und die GM-Oberen wollen vorne mitmischen.

Damit könnten die Detroiter zu den schärfsten Rivalen von Volkswagen werden. Auch die Wolfsburger wollen die rasant wachsenden Automärkte in Brasilien, Russland, Indien und China (kurz: BRIC-Länder) nutzen, um die Nummer eins zu werden. Das ehrgeizige Ziel schien in den vergangenen zwei Jahren greifbarer zu werden. Toyota, nach Zahl der verkauften Autos die weltweite Nummer eins, büßte seine schnelle Expansion durch Rückrufaktionen vor allem in den USA. Und GM schien durch erdrückende Soziallasten und teure Überkapazitäten zu ausweglosem Siechtum verurteilt. Allein in den vier Jahren vor dem Konkurs fuhr GM 82 Milliarden Dollar Verluste ein. Dann aber griff Obamas Autoteam ein und eröffnete GM durch geschicktes Biegen des Insolvenzrechts und eine Finanzspritze von 50 Milliarden Dollar die Chance auf einen fast schuldenfreien Neustart .

Die Insolvenz, die Aktionäre und Gläubiger schmerzhafte 27 Milliarden Dollar kostete, sowie Milliardenhilfen vom Staat brachten dem einstigen Stolz der US-Industrie einen Imageschaden in der Heimat ein. Doch GMs Aktivitäten in den BRIC-Ländern haben die Pleite fast unberührt überstanden.

In China ist der Konzern nach eigenen Angaben über Joint Ventures Marktführer, mit einer Produktion von 1.776.000 Fahrzeugen und einem Marktanteil von 13,4 Prozent (Pkw und Transporter). Während in den USA der Branchenabsatz in der Krise um 40 Prozent abstürzte, stieg China mit rund 13 Millionen Fahrzeugen 2009 zum größten Automarkt der Welt auf. GM verkaufte dort im vergangenen Jahr bereits 24 Prozent seiner gesamten Produktion. Mit dem Börsengang verstärken sich GMs Bindungen in China. SAIC, das ein Joint Venture mit GM betreibt, will angeblich Anteile kaufen. Indes dürfte das weitere Wachstum für ausländische Autobauer insgesamt schwieriger werden. Sämtliche internationalen Autokonzerne investieren kräftig, und auch die chinesischen Hersteller wollen expandieren.

In Russland hat GM in den vergangenen Jahren das größte Vertriebsnetz aufgebaut und hält nach dem einheimischen AvtoVAZ-Konzern den zweiten Platz. Allerdings mussten die Amerikaner zuletzt Rückschläge hinnehmen, während Volkswagen, die Nummer drei in Russland, aufholt. In Brasilien liegt Volkswagen bereits vorn, GM auf Platz drei.

Viel zu gewinnen gibt es in Indien. Bisher macht sich der Subkontinent, auf dem bei mehr als einer Milliarde Einwohnern jährlich gerade so viele Autos gebaut werden wie in Frankreich, in den Umsatzstatistiken der großen Konzerne kaum bemerkbar. Doch das dürfte sich ändern. GM ist in Indien der fünftgrößte Pkw-Hersteller, dicht gefolgt von Toyota. Marktführer ist Maruti Suzuki. In Indien will GM im Verein mit SAIC die lokalen Matadore Maruti und Tata angreifen. Die Co-Produktion mit den Chinesen könnte nach Ansicht von indischen Analysten allerdings Probleme bereiten: "Made in China" steht auch in Indien für billige Ware. Volkswagen will in den nächsten sieben Jahren mit VW, Škoda und Audi seinen Marktanteil von zwei auf bis zu zehn Prozent vervielfachen.

Die größten Risiken liegen für GM in den weiter bestehenden Altlasten. So konnte der Konzern zwar die Gesundheitsversicherung, die jährlich vier Milliarden Dollar kostete, in einen Fonds auslagern. Doch für die Pensionskasse mit einer Unterdeckung von derzeit 17 Milliarden ist GM weiter verantwortlich. Zwar sinkt der Staatsanteil nach dem Börsengang von 61 Prozent auf rund 33 Prozent. Doch die Regierung bleibt weiter mit Abstand der größte Eigentümer – mit Einfluss auf US-Produktion und Entwicklungsprojekte. Die Gewerkschaft UAW hat schon angedeutet, dass ihre Mitglieder nach all den Opfern nun von der Erholung profitieren wollen.

Dennoch: In Nordamerika, wo GM noch vor einigen Monaten deutlich teurer produzierte als viele andere, steht der Konzern nach der Radikalkur teils besser da als die ausländische Konkurrenz. Zwei Quartale in Folge schreibt GM nun bereits schwarze Zahlen – bei einem noch sehr schwachen Markt. Ziehen die Verkaufszahlen, wie erwartet, 2011 wieder auf 13 Millionen Fahrzeuge an, dürfte GM Kasse machen.

Gewinne aus Nordamerika, Wachstum aus den Schwellenländern – das ist GMs Strategie für die Zukunft. Zumindest für die Opel-Mitarbeiter könnte das eine gute Nachricht sein. Dort sind die Verluste bei stagnierendem Absatz zuletzt noch gestiegen. GM hat an Opel festgehalten , auch um das Know-how für globale Modelle zu behalten. Wie lange der Börsenrückkehrer GM allerdings diese Geduld und das nötige Kapital aufbringt, wird davon abhängen, ob sein globaler Plan auch tatsächlich aufgeht.

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