In der ZEIT Nr. 37 vom 9. September 2010 berichtete Rüdiger Jungbluth über die berühmten Vorfahren von Siemens-Vorstand Peter Y. Solmssen. Der Amerikaner entstammt einer großen deutsch-jüdischen Bankiersfamilie. Sein Urgroßvater war Arthur Salomonsohn, bis zu seinem Tod 1930 Aufsichtsratschef der Deutschen Bank. Sein Urgroßonkel war Georg Solmssen, viele Jahre Vorstand und 1933 kurzzeitig sogar Vorstandssprecher der Deutschen Bank. 1934 wurde er wegen seiner jüdischen Abstammung verdrängt. Die Erwähnung Solmssens erinnerte den langjährigen "Spiegel"-Redakteur Fritjof Meyer an eine Entscheidung, die er als junger Mann getroffen hatte.

Vergangenheit, an die zu erinnern, die aufzuklären und aus denen Lehren zu ziehen niemals vergehen darf: Das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank Georg Solmssen schrieb im April 1933 seinem Aufsichtsratvorsitzenden einen Brief, in dem er die wirtschaftliche und moralische Vernichtung aller deutschen Juden, "und zwar völlig unterschiedlos", voraussagte. Solmssen war selbst Jude, kam aber davon. Von dem Brief erfahre ich aus der ZEIT. Er hat mich persönlich erschüttert, da er auf meine Biografie eine Bürde lädt.

Von 1955 bis 1962 war ich Sachbearbeiter im Berliner Entschädigungsamt, das sich der "Wiedergutmachung" nationalsozialistischen Unrechts widmete. Ich bin stolz darauf, daran mitgewirkt zu haben, dass der deutsche Fiskus Opfern der NS-Verfolgung oder ihren Erben die Schäden an Leben, Gesundheit, Freiheit, Vermögen oder beruflichem Fortkommen zu lindern versucht hat, mit insgesamt mehr als 100 Milliarden D-Mark, in einer Zeit, da die junge Bundesrepublik arm war und der Sachbearbeiter in der Gehaltsgruppe Vb im Monat 365 D-Mark verdiente.

Zuständig für die Regulierung von Vermögensschäden der Antragsteller mit den Anfangsbuchstaben S und W, hatte ich die Akte Georg Solmssen zu bearbeiten. Er war Direktor der Deutschen Bank, noch im Juni 1933 stieg er auf zu ihrem Sprecher, also Vorstandsvorsitzenden. Im Jahr darauf verlor er seinen Posten, 1938 emigrierte er in die Schweiz. Es gelang ihm, sein Vermögen zu transferieren, abzüglich der (von Kanzler Heinrich Brüning in der Wirtschaftskrise eingeführten) "Reichsfluchtsteuer" von 25 Prozent, deren Erstattung recht und billig war. Mit Bescheid wurde 1955 Solmssens Anspruch anerkannt, gemäß Währungsreform im Verhältnis 10 zu 2 auf D-Mark umgerechnet und nur zum Teil, nämlich bis zum gesetzlichen Höchstbetrag, ausgezahlt. Zwei Jahre später starb Solmssen.

Nach dem neuen Bundesentschädigungsgesetz (BEG) war Reichsfluchtsteuer aber in voller Höhe zu erstatten, was Solmssens Witwe 1958 beantragte. Das Verhängnis nahm seinen Lauf.

In der Akte steckte Solmssens Lebenslauf, in dem stand, er habe 1934 ein Buch unter dem Titel Beiträge zur deutschen Politik und Wirtschaft veröffentlicht, von dem 1935 eine zweite Auflage erschien. Das beunruhigte mich, einen Politologen und Antifaschisten Anfang zwanzig: Ein Jude publiziert unter den Nazis ein Buch über Politik und Wirtschaft, ging das denn?

Nach langem Suchen fand ich das Buch in der Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Tor im Giftschrank für NS-Literatur und las im Vorwort bestürzende Passagen. Über die Weimarer Republik: "Alle Versuche, das Bürgertum zum nationalen Zusammenschluß zu bringen, scheiterten, weil niemand in seinen Reihen die Autorität besaß, um diktatorisch zu Werke zu gehen und die Parteien zu Paaren zu treiben." Über die "nationalsozialistische Revolution": "Mochte ihr Ungestüm auch vieles zertrümmern, von dem sich zu trennen schwerfiel, das Wiedererwachen nationaler Selbstbesinnung und die Zusammenfassung des Volkes zu einer großen machtvollen Einheit musste immer wieder als der schwerer ins Gewicht fallende Gewinn erkannt werden, für dessen Erzielung jeder an seiner Stelle Opfer zu bringen hatte."

Und über die "nationalsozialistische Bewegung" hieß es, dass sie "sich, auch wenn sie legale Formen innehalten wollte, nur mit brutaler Kraft, unter Drohung äußerster Gewalt in den Sattel setzen konnte". In der zweiten Auflage – erschienen nach Solmssens Ausscheiden aus der Deutschen Bank – ging dieser Absatz noch weiter: "Deshalb musste zunächst rücksichtslos vorgegangen werden, auf die Gefahr hin, mit Schuldigen Unschuldige zu treffen. Das Überwuchern wesensfremder Methoden in Politik, Wirtschaft, Kunst und Literatur war zu stark geworden, als dass die für den Wiederaufbau der Nation unumgängliche Zerschlagung der Parteien und die dadurch vorbereitete Zusammenfassung aller Kräfte ohne revolutionäres Vorgehen möglich gewesen wäre."