Noch vergangene Woche wurde kräftig gepokert. Experten rechnen mit bis zu 60.000 Studienanfängern für den Fall, dass die Wehrpflicht ausgesetzt wird – Kostenpunkt: etwa anderthalb Milliarden Euro. Und was ließ Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) ihren Staatssekretär auf eine parlamentarische Anfrage der SPD antworten? Die Bereitstellung eines ausreichenden Studienangebots sei "entsprechend der föderalen Aufgabenverteilung in erster Linie Sache der Länder".

Die Opposition protestierte aufs Heftigste. "Obwohl diese Situation allein durch die Entscheidung des Bundes verursacht wird, will die Bundesregierung die Bundesländer und Hochschulen offenbar im Stich lassen", polterte der stellvertretende bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Swen Schulz, und sein grüner Kollege Kai Gehring ergänzte: "Es ist paradox, dass über Fachkräftemangel lamentiert wird und zeitgleich die Bundesregierung den Bildungsaufstieg einer ganzen Generation zu vermasseln droht."

Tatsächlich sorgte der zwischen Bund und Ländern geschlossene Hochschulpakt 2020 bislang lediglich für den Ansturm vor, den das doppelte Abitur und die letzten geburtenstarken Jahrgänge verursachen. Dass auch für den Fall der Wehrpflicht eine Lösung her musste, war allen klar, zahlen aber wollte keiner. Jetzt hat sich eine Arbeitsgruppe der Bildungs-Staatssekretäre von Bund und Ländern doch überraschend schnell darauf geeinigt, bereits 2011 Abhilfe zu schaffen. Wie viel genau Schavan für die Einrichtung der zusätzlichen Studienplätze in den Ländern beisteuert, muss zwar noch geklärt werden. Beim Hochschulpakt übernehmen Bund und Länder je 50 Prozent. In diesem Fall erwarte er jedoch, dass der Bund nach dem Verursacherprinzip die vollen Kosten trage, betonte Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD).

Trotz der guten Nachricht bleibt die Lage an den Hochschulen angespannt: Laut Statistischem Bundesamt haben sich 2009 428.000 Erstsemester eingeschrieben – 41.000 mehr, als von der Kultusministerkonferenz (KMK) prognostiziert. Nach Schätzungen des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) werden im Jahr 2011 sogar bis zu 454.000 junge Menschen ein Studium aufnehmen. Schon ohne die mögliche Aussetzung der Wehrpflicht läge die KMK-Prognose damit auch für 2011 um 40.000 Studienanfänger zu niedrig. Insgesamt, warnt das FiBS, könnten bis 2015 doppelt so viele neue Studienplätze nötig werden wie im Hochschulpakt vorgesehen.