Man könnte fast denken, dass Carlos Rosado der Hausherr ist hier draußen auf dem idyllischen Campus des Bard College in Annandale am Hudson, zweieinhalb Autostunden nördlich von New York. Seit Juni betreut der 36-jährige Puerto Ricaner den Obst- und Gemüsegarten der renommierten Hochschule, voller Stolz präsentiert er seine prächtige Ernte, und der weite Blick auf die Catskill Mountains versetzt ihn, der im Asphaltdschungel von Manhattans Lower East Side aufwuchs, noch immer in ausschweifende Stimmung. Dabei ist es noch keine sechs Monate her, dass Carlos Rosado nach mehr als 14 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen wurde. Manchmal verirrt er sich noch auf den Straßen und Highways seiner neuen Umgebung – und genießt nichts mehr als die ungewohnte Freiheit, sich in alle Himmelsrichtungen verlieren zu können.

Vor allem einem Mann verdankt Carlos Rosado seine Position als Gärtner und noch mehr seinen Bachelor der Umweltstudien, den er im vergangenen Sommer unter stehenden Ovationen der Professoren und Studenten des Bard College entgegennahm:dem Alumnus Max Kenner. Ende der 1990er Jahre, als New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani der Kriminalität in der Metropole den Kampf angesagt hatte und junge Männer für Drogendelikte jahrzehntelang eingelocht wurden, fing der damalige Geschichtsstudent an, sich für die Rehabilitation von Häftlingen zu engagieren. "Auf der Höhe der sogenannten tough on crime- Kampagne wurden Gelder für höhere Bildung gestrichen und stattdessen in die Ausweitung des Gefängnissystems sowie ein erhöhtes Polizeiaufgebot investiert", sagt Kenner. Gouverneur George Pataki eliminierte sämtliche akademischen Programme für Häftlinge im Staat New York mit dem Argument, Verbrechern dürfte nicht auf Regierungskosten zustehen, was sich rechtschaffene Bürger für ihre Kinder nicht mehr leisten könnten.

Das Bard College begann damals sein Image als Exporteur einer exquisiten Ausbildung in den freien Künsten in neu erschlossenen Regionen wie Südafrika und Russland zu kultivieren, Kenner aber machte sich zum Advokaten für die zum Bildungsbrachland verkommenen Strafanstalten in der unmittelbaren Umgebung. Nach zwei Jahren intensiver Lobbyarbeit versprach ihm der Präsident des Bard College, Leon Botstein, seine Unterstützung unter der Bedingung, dass Kenner die entsprechenden Gelder auftreiben würde.

Woodbourne Correctional Facility, zwei Stunden nordwestlich von Manhattan, zählt zu den fünf Gefängnissen im Staat New York, die sich Max Kenners Bard Prison Initiative (BPI) angeschlossen haben. Die Strafanstalt im neogotischen Backsteingebäude von 1935 ist mit 350 Stellen der Hauptarbeitgeber des schäbigen Städtchens, das allein im Sommer mit dem Ansturm orthodox-jüdischer Urlauber einen kurzen Aufschwung erlebt. Die meisten der 800 Insassen sind Schwerverbrecher, die sich dank guter Führung eine Einzelzelle in dieser vergleichsweise liberalen Vollzugsanstalt verdient haben. Hier büßte Carlos Rosado die letzten zehn Jahre seiner Strafe ab, die er sich mit drei Delikten eingehandelt hatte: einem Unfall mit einem gestohlenen Auto mit 16, einer Autofahrt mit einem bewaffneten Kumpan mit 17, einer Schießerei mit 18. Obwohl niemand verletzt wurde, gab man ihm 16 Jahre. "Ich hatte geglaubt, dass ich Millionen auf der Straße verdienen würde und meine Familie aus dem Ghetto holen könnte", erklärt Rosado, der sich damals sein Geld als Buchmacher von Sportwetten verdiente und bis zu 20000 Dollar pro Baseball- oder Footballspiel bekam. Doch sein Appetit auf materielle Dinge war unstillbar: "Ich gab 1000 Dollar am Tag für Kleidung aus – als gut aussehender junger Mann in New York City, dem Mekka der Welt, musste ich meinen Vorsprung wahren."

Der Zorn, der seit Rosados Kindheit im Bandenterritorium der Lower East Side allmählich seine ganze Persönlichkeit erobert hatte, machte ihn zu einem aufsässigen Gefangenen. 20 Monate nach seiner Verurteilung landete er im berüchtigten Zuchthaus Attica. Es dauerte nicht lange, und wieder endete ein Disput um eine Wette – hinter Gittern dienten Zigaretten und Briefmarken als Währung – in Gewalttätigkeit und Isolationshaft. "Es war die genaue Wiederholung der Situation, die mich ins Gefängnis gebracht hatte", realisierte Rosado – und schwor Besserung. Nach sechs Monaten totaler Absonderung und anschließender erfolgreicher Bewährungsfrist erhielt er einen "Ehrenplatz" für gutes Betragen in der Eastern Correctional Facility. Ein Mitgefangener gab ihm Nietzsche und Sartre zu lesen. "Ich begann meinen eigenen Existenzialismus zu definieren", sagt Rosado, und er profitierte von seinem selbst bescheinigten Talent, "das Einfache in einem komplexen Szenarium zu finden". Er lernte, Partituren zu lesen und mehrere Instrumente zu spielen, Jazz, nicht den Rap des Ghettos und der Pseudogangster, sondern die Musik der Intellektuellen. Und zu Beginn des neuen Millenniums traf er Max Kenner, der damals Lyrik-Workshops in Gefängnissen gab.

Wie die meisten Gefängnisinsassen litt auch Carlos Rosado an einem "enormen Mangel an Schreibkompetenz und verfügte zugleich über eine große Redefähigkeit", sagt Kenner, der dem späteren Musterstudenten trotz seiner autodidaktischen Vorstöße in die Philosophie "so gut wie jedes Bücherwissen" absprechen musste. Doch alle Gefangenen, "die entweder interessante Ideen in dürftiger Sprache vermitteln oder aber weniger interessante Ideen gut ausdrücken können", wurden zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Aus einer Gruppe von 100 Kandidaten wurden im ersten Jahr der Bard Prison Initiative 15 vielversprechende Delinquenten ausgewählt. Carlos Rosado erinnert sich genau an seinen ersten Kurs, über den US-Dichter Walt Whitman. Durch Verzicht auf jede freie Minute gelang es ihm, das Curriculum zwischen acht Stunden Küchendienst zu absolvieren. Im zweiten Studienjahr geriet er in eine Identitätskrise, denn er fand sich und seine hispanische Kultur im Lehrplan nicht wieder. Er träumte davon, endlich das Restaurant zu eröffnen, das sich schon sein verstorbener Großvater, ein Bäcker, gewünscht hatte. "Ich wollte Leute bekochen und ihnen von meinem Existenzialismus erzählen. Ich wollte sie sagen hören, Carlos, du bist großartig, wir nehmen dich mit auf Reisen."