Das Konservative bekommt zum Abschied einen Kuss. Oder besser gesagt: der Konservative. Mit antiquarischen Büchern, hintersinnig ausgesucht, verabschiedet Angela Merkel in Karlsruhe Roland Koch, Jürgen Rüttgers, Ole von Beust und Christian Wulff, Letzteren in Abwesenheit, weil die Würde des Amtes mit so Profanem wie einem Parteitag nicht vereinbar ist. Für Rüttgers hat sie Arbeiterführer und Christentum mitgebracht, Roland Koch bekommt Edmund Burkes Betrachtungen über die Französische Revolution. Ein freundlicher Schulterklopfer für Rüttgers, ein Wangenkuss für den gerührten Roland Koch, dann treten sie ab von der Bühne, die Männer, die einst ausgezogen waren, Helmut Kohl zu beerben.

Was war das nun für ein Kuss? Bussi-Bussi oder Todeskuss? Was bleibt vom Konservatismus in dieser Merkel-CDU, in der sich die Liberalen breitgemacht haben wie noch nie in der Geschichte? Werden sie selbst konservativ? Simulieren sie es? Oder gehen sie über den Phantomschmerz der CDU einfach hinweg?

Einigkeit und Recht und Freiheit: Ein Hauch von Kohl liegt in der Luft

Mit der Wahl der neuen Spitzenriege hat die CDU eine Führung, die noch nie so sehr Merkel war. Das liegt vor allem an Ursula von der Leyen und Norbert Röttgen. Volker Bouffier, Kochs Nachfolger in Hessen, ist zwar relativ konservativ, aber noch zu neu, um Eigengewicht in die Waagschale zu werfen. Koch, Beust und Rüttgers, auch das war eine der subtilen Botschaften bei ihrer denkwürdigen Verabschiedung, standen für je eine der Wurzeln der CDU, das Konservative, das Liberale und das Christlich-Soziale. Nur sie, die Kanzlerin, aber soll für alle drei stehen, auch für das Konservative.

Merkel lässt in ihrer Rede Begriffe wie Familie und Nation auferstehen , bis ein Hauch von Kohl über dem Parteitag liegt, bevor er am Abend leibhaftig auftaucht, zum ersten Mal seit Jahren wieder bei einem Parteitag. Doch was für ein Konservatismus ist das?

"Manchmal ist Enthaltung keine Haltung", ruft Merkel in ihrer Rede, der Satz ist auf die Grünen gemünzt, aber er trifft auch auf weite Teile ihrer Kanzlerschaft zu. Zu wenig erkennbar, zu vorsichtig, zu wenig Führung, lautete der Vorwurf aus der eigenen Partei an die Vorsitzende, vor allem aus dem konservativen Teil. Merkel empfand es immer als Zumutung, dass sie nun auch noch deren Part übernehmen sollte, weil sie selbst, wie sie meinte, unfähig dazu seien. Erst neuerdings, seit ein paar Monaten, klingt sie anders.

In der Debatte um Integration wurde aus der harschen Kritik an Sarrazin ("nicht hilfreich") eine Absage an Multikulti. Aus der verständnisvollen "Kanzlerin aller Deutschen" wurde eine, die Großprojekte wie Stuttgart 21 gegen das Volk oder zumindest gegen relevante und im Prinzip CDU-nahe Teile dieses Volkes durchziehen will, aus der forschungsfreundlichen Wissenschaftlerin eine Parteichefin, die Grenzen setzen will.

Das klang klassisch konservativ, back to the roots. Doch so einfach ist die Sache nicht. In Karlsruhe lässt sich immer wieder ein Konservatismus besichtigen, der zwischen glauben und zweifeln schwankt, zwischen recht haben und Inszenierung, es ist ein grün gefärbter Konservatismus, der mit dem eigenen Klischee flirtet, das neue Schwarz ist dunkles Lodengrün.