Diesen Abend im Oktober wird das deutsche Altenburg wohl nicht so schnell vergessen. Trommelchöre und Pfiffe dringen von der Gemeindehalle bis zum Dorfbrunnen. Gut 400 Menschen stehen vor dem Saal. Steine beschweren übrig gebliebene Flugblätter auf den bereitgestellten Tischen. "Verein Loti" steht hier, "Verein Hochrhein e. V." oder "Schweizer Energiestiftung" dort. Die "Kernfrauen Zürcher Weinland" haben ihre Protesttransparente ausgerollt und wippen im Takt. Den Rhythmus geben sieben Aktivisten vor, die auf gelben Fässern mit Atomzeichen trommeln. Im Vorraum der Gemeindehalle ist es leer. Nur die Mitarbeiter des Bundesamts für Energie (BFE) und der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) stehen hinter ihren Infotischen. An diesem Abend richtet das BFE eine Informationsveranstaltung aus. Es ist die Einzige auf deutschem Boden. Das Thema: Die Standortwahl der Atommülldeponien, über die der Bundesrat 2011 entscheiden wird.

Der BFE-Leiter für Entsorgung radioaktiver Abfälle, Michael Aebersold, und seine Kollegen von der Nagra und der Eidgenössischen Nuklearsicherheitsbehörde (Ensi) haben es schwer. Zu aufgeheizt ist die Stimmung, zu unzufrieden sind die Anwesenden mit den Antworten der Schweizer. "Wundert das?", fragt Ulrike Elliger, Vorsitzende des Vereins Hochrhein aktiv e. V. "Ensi und Nagra behaupten, sie hätten eine sichere Lösung für die nächsten eine Million Jahre. Das ist doch gegen den gesunden Menschenverstand!" Elliger holt Luft: "Jetzt müssen wir uns für unsere Kinder wehren." Seit Anfang Oktober gibt es den Verein. Nach einem Monat zählt er 80 Mitglieder, fünf Prozent davon kommen aus der Schweiz. Das freut Ulrike Elliger. "Die Grenze ist oft im Kopf. Nun passiert etwas." Durch die gemeinsamen Aktionen erhöhe sich der Druck auf die Behörden, und die eigenen Leute kämen in die Gänge.

Während in Deutschland gerade Tausende ihren Unmut über die Castor-Transporte kundgetan haben, ist es in der Schweiz ruhig. Noch. Hier gibt es bislang keinen definitiven Standort für die radioaktiven Abfälle aus den fünf Kernkraftwerken. Das BFE geht davon aus, dass rund 100.000 Kubikmeter radioaktiven Mülls nach dem Ablauf der 50-jährigen Betriebszeit der Atommeiler anfallen. Wohin damit? Die Nagra hat sechs mögliche Gebiete vorgeschlagen. Der Südranden im Kanton Schaffhausen, das Zürcher Weinland – umbenannt in Zürich Nord-Ost, Nördlich Lägeren in den Kantonen Zürich und Aargau sowie der Bözberg im Kanton Aargau, der Jura-Südfuß und der Innerschweizer Wellenberg stehen zur Debatte. Vier der Standorte liegen an der schweizerisch-deutschen Grenze. Zufall? "Ja", sagt Markus Fritschi, Mitglied der Nagra-Geschäftsleitung. In jedem der Gebiete seien Gesteine gefunden worden, die sich für die Lagerung von Atommüll gut eigneten.

Über der Verbindungsstraße zwischen dem deutschen Hohentengen, dem aargauischen Kaiserstuhl und dem zürcherischen Wasterkingen hängt ein Banner mit der Aufschrift "Atommülllager Nördlich Lägeren – Nicht mit uns". Befestigt von Rosi Drayer, Gemeinderätin der deutschen Grenzstadt Hohentengen, hat die Flagge auch Aufmerksamkeit auf der Schweizer Seite erregt, namentlich bei SP-Großrätin Astrid Andermatt. Jetzt arbeitet man zusammen: "Für mich war der Rhein immer eine definitive Grenze. Jetzt hat sich mein Bild der Region erweitert", sagt Rosi Drayer.

Die Schaffhauser und ihre deutschen Nachbarn waren dagegen schon immer eine Schicksalsgemeinschaft, sagt deren Stadtpräsident Thomas Feurer. Das habe man in Bern wohl unterschätzt, ebenso wie die Wirkung des eigenen Vorgehens. Letzteres sei zu technokratisch und unsensibel gegenüber der Schweizer Bevölkerung aber auch gegenüber Deutschland. Zudem sei es nicht demokratisch, dem Kanton in dieser Sache eine Abstimmung zu verbieten. "Wenn uns die demokratischen Mittel versagt werden, dann bleibt uns nichts anderes als Protest", sagt die Schaffhauser SP-Kantonsrätin Martina Munz – und ruft bei einer Informationsveranstaltung auf der anderen Seite der Grenze, in Jestetten, dem vornehmlich deutschen Publikum zu: "Liebe Nachbarn, wir brauchen euch!" Sie setze auf die forsche offensive Art der Deutschen, sagt Munz. Es mache sie wütend, dass diese Hälfte der Betroffenen letztendlich von den demokratischen Prozessen ausgeschlossen sei. "Das geht nicht!" Bern muss sich etwas einfallen lassen.