Seine ersten französischen Momente hat der junge Johann Sebastian Bach in Lüneburg. Er ist 15 Jahre alt, lebt und lernt seit Ostern 1700 im dortigen Michaeliskloster und bekommt wegen seiner wunderschönen Sopranstimme ein Stipendium. Eines Tages nimmt Bach dort seine erste Tanzstunde bei Thomas de la Selle, der an der benachbarten Ritterakademie unterrichtet und in Paris selbst Schüler des großen Barockkomponisten Jean-Baptiste Lully gewesen ist.

In Lüneburg unterweist er die Eleven nun in Courante, Menuett, Polonaise, Bourrée, Passepied und anderen höfischen Tänzen. Natürlich spricht Bach mit Eifer Französisch, übt Konversation und die "Verfertigung netter Briefe", wie es heißt, und fühlt die Sonne Ludwigs XIV. über sich.

An diese Tänze wird sich Bach später erinnern, aber wir wissen nicht genau, wann. Wir wissen nur, dass Lullys Erfindung, die Orchestersuite als Sammlung von Tänzen eines Balletts, irgendwann von Bach famos nachgeahmt wird. Von seinen vier Orchestersuiten BWV 1066 bis 1069 gibt es nur Abschriften aus der Leipziger Zeit, Bach wird sie dort gewiss überarbeitet und aufgeführt haben, doch eine Originalhandschrift, die Hinweise auf die Entstehung gibt, fehlt bislang. Man tippt auf Köthen oder Weimar, wo Bach als Hofkomponist angestellt war und höfische Musizierliteratur zu besorgen hatte.

Die unklare Angelegenheit wird die Musikwissenschaft vermutlich noch die nächsten Jahrzehnte beschäftigen. Egal. Es sind vier Meisterwerke, die nicht nur ins Tanzbein fahren, sondern auch im Kopf für heitere Verwirrung sorgen. Manches ist uns längst zum Ohrwurm geworden, wie die versponnen-sehnsüchtige Air aus der Orchestersuite Nr. 3 D-Dur oder die Badinerie aus der Flötensuite h-Moll.

Bach ist hier verspielt wie selten, ein ausgelassener Pirouettendreher, feingliedriger Gymnast, gravitätischer Zeremonienmeister – diese vier Suiten sind große, artifizielle Verwandlungsmusiken, die nicht selten vom Parkett abheben. Man spürt das unbändige Vergnügen, das Bach beim Komponieren gehabt haben muss, man spürt sozusagen, um mit Henning Mankell zu sprechen, die Rückkehr des Tanzlehrers.

In der blendenden Neuaufnahme durch das Alte-Musik-Ensemble Concerto Köln möchte der Hörer zunächst an ein Versehen glauben. Die Musiker spielen nämlich in einer dermaßen tiefen Stimmung, dass D-Dur wie C-Dur klingt. Diese Tönung ist allerdings historisch informiert, weil damals französische Bläservirtuosen durch Deutschland reisten und die Stimmtonhöhe a’=392 Hertz mitbrachten. Das verändert den Klang merklich, er ist gelassener, wärmer, auch dunkler. Aber nicht muffig – so lässig blitzend, so echoreich, jazzig und agil wie eine Flipperkugel hörte man etwa die Trompeten in der Gigue jener D-Dur-Suite BWV 1068 noch nie. Überhaupt erwischt der Hörer etliche Momente, in denen gleichsam freundliche Blitze über ihm zucken. So wählen die Musiker für die Gavotte II in BWV 1068 ein unerwartet geschwinderes Tempo als in Gavotte I. Kids von heute würden sagen: Das knallt.

Concerto Köln ist übrigens neulich 25 Jahre alt geworden und hat immer noch keinen Dirigenten. Es gibt Einstudierer und Vordenker, gewiss, aber auf dem Podium spielt jeder aus eigener Kraft fürs große Ganze, ohne dass ihn einer vom Kapellmeisterpult autoritär befuchtelt. Das erklärt die frappierende Demokratie des Klangs. Wir gratulieren ins heilige, närrische, barocke Köln! Das schönste Geschenk haben sie sich ja selbst gemacht – à la française!

Bach: Orchestersuiten Concerto Köln (Berlin Classics, 2 CDs, 0300061BC/Edel)