Der Sonntag! Mir ist der Sonntag heilig. Zeit ist knapp. Sie läuft uns immer wieder davon. Alles ist durchgeplant. Jede Minute muss ausgenutzt werden. Ausruhen bedeutet Stillstand. So denken viele, und ich merke das besonders daran, dass gesellschaftlich garantierte Zeitstrukturen zur Disposition stehen. Der natürliche Wechsel im Leben von Mensch und Natur zwischen Ruhe und Arbeit geht für immer mehr Menschen verloren.

Im vormodernen Zeitalter begann das soziale Leben mit dem Aufgang der Sonne und endete zumeist bei Sonnenuntergang. Mit Beginn der industriellen Revolution wurde Zeit zu einem knappen Gut. "Zeit ist Geld" – dieses Motto symbolisiert einen epochalen Paradigmenwechsel: Nicht mehr die Natur gibt den Takt des Lebens vor, sondern die Technik und die Ökonomie. Flexibilisierung gilt als das neue Wundermittel – und wir Menschen müssen uns dem anpassen. Es gibt kaum noch eine gesellschaftlich verbindliche Zeitordnung mehr. Wohin wir auch schauen, herrscht hektische Betriebsamkeit. Dabei geht der Gesellschaft etwas Entscheidendes verloren: ein gleichsam synchronisierter Bereich, in dem alle Menschen zur Ruhe kommen.

Ein letztes Refugium wird in Deutschland seit Jahren infrage gestellt – der arbeitsfreie Sonntag. Er bietet mir Freiräume für mich selbst, Zeit für meine Familie und Freunde, für Muße und Reflexion. Das geht aber nur, wenn er ein gemeinsamer Tag der Ruhe bleibt und nicht in beliebig viele individuelle freie Tage zerteilt wird. Deshalb ist mir der Sonntag als Tag der gemeinsamen Zeit wichtig, denn er ist das Gegenbild zur Ökonomisierung des gesamten Lebens. Der Sonntag macht deutlich, dass es im Leben mehr gibt als die Anhäufung von Geld. Der Sonntag ist nicht nur eine störende Unterbrechung der wöchentlichen Arbeitszeit: Er ist ein Zufluchtsort des Menschlichen gegen die Allmacht der Ökonomie.

Darum ist mir der Sonntag heilig: Der Mensch wird nicht reduziert auf das, was er leistet und was er tut. Am Sonntag kann der Mensch einfach nur Mensch sein. Gott, der am siebten Schöpfungstag selbst ausruhte, hat uns diesen Ruhetag geschenkt und seiner Schöpfung geboten: "Am siebten Tage sollst Du ruhn". Damit wir einen Tag der Besinnung haben – auch auf Gott. Zugegeben: Auch ich muss oft kämpfen, dass ich den Sonntag heilige. Auch ich muss mich zwingen, von meinen Alltagstätigkeiten Abstand zu nehmen, um Herz und Sinne zu richten auf Gott und sein Geschenk des Sonntags. Aber die Mühe lohnt sich, und dann greift sonntags die wunderbare Erfahrung Raum, dass ich einfach da sein kann. Ich erfahre dankbar, dass ich lebe und Zeit mit Muße und anderen Menschen verbringen kann. Gott sei Dank, es ist Sonntag, und ich kann Mensch sein.

Nikolaus Schneider, geboren 1947 in Duisburg, ist seit 2003 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Soeben wurde er zum Vorsitzenden des Rates der EKD gewählt