ZEITmagazin: Frau Schröder-Köpf, wir wollen mit Ihnen über Frauenleben sprechen.

Doris Schröder-Köpf: Wieso kommen Sie da auf mich?

ZEITmagazin: Weil Sie schon einige verschiedene Frauenleben gelebt haben. Sie waren Klosterschülerin, Sie waren Single, Sie waren Journalistin, Sie waren alleinerziehende Mutter, Sie waren Kanzlergattin, Sie sind heute Mutter von drei Kindern. Sie haben sich immer wieder neu erfunden.

Schröder-Köpf: Nein, ich habe mich nicht erfunden, ich wurde neu erfunden. Ich musste neue Sachen machen, es war nicht immer meine Entscheidung. Vieles in meinem Leben hat sich irgendwie ergeben. Ich bin immer risikobereit gewesen, beruflich und privat. Mal ist es geglückt, mal bin ich gescheitert. Wie das so ist.

ZEITmagazin: Beginnen wir mit einer Rückblende: Sie waren 23, als Mitte der achtziger Jahre Ihre erste Berührung mit der großen Welt der Politik stattfand. Sie waren Parlamentsreporterin bei der "Bild"-Zeitung und trafen auf den Bonner Politikbetrieb.

Schröder-Köpf: Ich habe ja eine alternative Vergangenheit, ich war auf den Demos gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, mit allem Drum und Dran. Und in Bonn traf ich auf eine Frau wie Petra Kelly...

ZEITmagazin: ...die damalige Ikone der Grünen...

Schröder-Köpf: ...und sie war spannend für mich, ich fand sie attraktiv und kämpferisch. Ich hatte sie aus der Ferne bewundert, aber je mehr ich von ihr miterlebte, desto schwieriger wurde es. Journalisten durften ja damals noch an den Fraktionssitzungen teilnehmen, alles war ganz offen. Wenn ich da auch nur in die Nähe von Petra Kelly kam, fing sie an zu schreien. Als Bild- Redakteurin war ich das absolute Feindbild für sie, obwohl ich ihr nichts getan hatte. Dieses Hysterische hat mich erschreckt. Und so stark ich sie als Figur der Emanzipation fand, so wenig hat sie das im Persönlichen eingelöst.

ZEITmagazin: Gab es auch angenehmere Erfahrungen?

Schröder-Köpf: Ich habe Guido Westerwelle interviewt, ich glaube, es war mein allererstes größeres Interview in Bonn. Er war Chef der Jungen Liberalen und nicht viel älter als ich. Wir waren beide nervös, auch er hatte noch nicht so viele Bild- Interviews hinter sich. Aber man merkte damals schon, aus dem wird mal was .

ZEITmagazin: Woran merkt man das?

Schröder-Köpf: Man merkt es einfach. Man merkte, der Mann hatte einen Plan, der wollte was. Ich finde das gut. Mein Mann hatte das ja auch. Und bei Kai Diekmann, damals Volontär bei der Bild, spürte man es auch . Als er in Bonn war, habe ich eine Zeit lang seine Texte redigiert. Ich wusste, der wird später Chefredakteur. Das ist so eine Mischung aus Ehrgeiz, Energie und Schlauheit. Das spürt man.

ZEITmagazin: Und was hatten Sie damals für einen Plan?

Schröder-Köpf: Ich wollte auch immer Chefredakteurin werden, ganz klar. Bei mir hat es nicht geklappt, wie man sieht.

ZEITmagazin: Blenden wir in eine andere Lebensphase. Anfang der neunziger Jahre die große Welt: Sie waren mit Ihrem damaligen Lebensgefährten in New York – ein anderer Kosmos.

Schröder-Köpf: Ich habe mich dort zum ersten Mal so richtig aufgehoben gefühlt. Diese toughen Frauen mit den High Heels, die immer auch ihre Turnschuhe dabeihatten, fand ich beeindruckend. In Deutschland waren damals noch alle der Meinung, dass man als selbstbewusste Frau kein rosafarbenes Kostüm anziehen kann. Ich finde, gerade selbstbewusste Frauen können das, die können auch Dirndl tragen, man muss sich ja nicht verstecken. Und diese Haltung, die hatten die Frauen in New York. Was ich an den Amerikanerinnen auch mochte: Sie waren zum Niederknien pragmatisch. Das Erste, was viele New Yorkerinnen anschafften, die ein Baby bekommen hatten, war eine Milchpumpe. Weil Muttermilch gesund fürs Kind ist, weil sie aber nie auf die Idee kämen, wegen eines Kindes lange zu Hause zu bleiben, das kann sich dort ja auch kaum jemand leisten.

ZEITmagazin: Wir haben gelesen, Sie haben in New York in der Aids-Hilfe gearbeitet.

Schröder-Köpf: Ich bin mir am Anfang ein bisschen überflüssig vorgekommen in dieser großen Stadt. Bei uns an der Ecke residierte eine Kirchengemeinde, und da hing ein Zettel, dass sie ehrenamtliche Helfer für ein Aids-Hospiz suchen. Ich hatte in Deutschland viel über Aids geschrieben, über die Konflikte zwischen Peter Gauweiler und Rita Süssmuth, und ich dachte, da machst du jetzt mal mit. Das war die Zeit, als Aids-Kranke sehr schnell starben, als viele Kranke zum Sterben nach New York kamen, weil zu Hause, wo immer das war, keiner wusste, dass sie schwul waren .

ZEITmagazin: Spielte dabei das Pflichtbewusstsein aus Ihrer Zeit in der Klosterschule eine Rolle?

Schröder-Köpf: Kann sein.