Als der Bergmannschor im Essener Saalbau Glück auf! Glück auf! Der Steiger kommt! anstimmte, da war die Welt der Kumpel wieder in Ordnung. Pünktlich zum Deutschen Steinkohletag am Dienstag zeichnete sich ab, dass die Kohlelobby auch ihre letzte Schlacht erfolgreich geschlagen hatte.

Vergessen war, dass es noch Tage zuvor schlecht stand um die Zukunft der deutschen Zechen. Knapp drei Jahre nach dem mit der Bundesregierung mühsam ausgehandelten Kohlekonsens hatte nämlich die EU-Kommission im Sommer interveniert , um das Ende der Subventionen von 2018 auf 2014 vorzuverlegen. Das hätte den sozialverträglichen Ausstieg zunichtegemacht.

Dann aber legte Michael Vassiliadis los. Der Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) ließ sofort Briefe an alle EU-Parlamentarier und Kommissare schreiben. In den vergangenen Wochen war er dann persönlich in Brüssel, Berlin und vielen anderen Hauptstädten der Union unterwegs. Mit Erfolg. Nun wird der Ausstieg wohl doch auf 2018 verschoben. "Das wissen wir erst, wenn die Sache durch die gesamte Brüsseler Maschinerie gelaufen ist, aber da sind wir doch deutlich optimistischer als noch vor einigen Tagen", sagt Vassiliadis selbst. Doch Brüsseler Diplomaten berichten von einem Stimmungsumschwung: "Der Wind hat sich gedreht."

Deutlich wurde die Entwicklung, als sich auf der Ebene 50 des Brüsseler Justus-Lipsius-Gebäudes 27 Botschafter der Mitgliedstaaten versammelten. Das harte Kunstlicht und der rote Teppich sorgten dafür, dass mancher Diplomat dem Haus den "Charme spätsozialistischer Parteizentralen" attestierte. Und an diesem Nachmittag ging es tatsächlich um Staatswirtschaft: Die Diplomaten aus Deutschland, Spanien und Rumänien warben um Nachsicht für ihre Kohlesubventionen. Soweit, so wenig überraschend. Danach aber kam nach Aussage eines Sitzungsteilnehmers eine Überraschung: Da meldeten sich nämlich fast 20 Vertreter von Nichtkohlestaaten zu Wort, und die meisten signalisierten Zustimmung für das Anliegen. Worauf der Vertreter der belgischen Präsidentschaft, Didier Seeuws, dem Vernehmen nach ankündigte, sein Land werde nun eine Förderfrist bis 2018 vorschlagen. Wenn es so käme, urteilen Insider, dürfte daran kaum noch gerüttelt werden.

Zumal auch das Europäische Parlament zusätzlichen Druck auf die Kommission aufbaut. Der für nächsten Dienstag angekündigten Abstimmung in Straßburg gingen Probeläufe in mehreren Ausschüssen voraus. Eine Schlüsselrolle spielten Abgeordnete aus Nordrhein-Westfalen. Im wichtigen Wirtschaftsausschuss etwa sorgte Bernhard Rapkay – einst SPD-Vorsitzender des Unterbezirks Dortmund, bis heute ein Vertrauter von Vassiliadis – für ein Votum pro 2018.

Doch die Beziehungen des IG BCE-Chefs machen nicht an Parteigrenzen halt. So legte auch CDU-Mann Elmar Brok seine 30 Jahre Parlamentserfahrung in die Waagschale, als es galt, den Stimmungsschwenk vorzubereiten. "Mich überzeugt, dass 2018 endgültig Schluss ist mit den Kohlesubventionen ", sagt der Westfale und wurde damit bei Kommissaren und Parlamentariern vorstellig.

"Endgültig": Das Wort hört man bei den Kumpel nicht gerne. Als sie dem Kohleausstieg zustimmten, bestanden sie darauf, dass in das Gesetz eine "Revisionsklausel" aufgenommen wird. Danach müsste 2012 erneut diskutiert werden, ob der Steinkohlebergbau nicht doch weitergehen soll – wegen steigender Weltmarktpreise oder weil Deutschland, auch wenn es sich nicht rechnet, eine eigene klassische Energiequelle behalten soll. Doch von der Hoffnung auf die Revision werden sich die Kumpel wohl verabschieden müssen. Bedingung für Kulanz in Brüssel ist ganz klar die Streichung der Klausel.