Das Blatt wird gewendet, die Feder wieder eingetaucht. Noten erscheinen auf dem Papier. Zwei eigenständige Stimmen, nur aus Vierteln und Halben gefügt, alter Stil, sehr alt sogar, so hat einst Palestrina komponiert. Ein Sextsprung nach oben? So nicht. Den nächsten Takt lässt der Schreiber, unsicher geworden, in der Oberstimme frei. Er ist versiert im Kontrapunkt, das ja, aber nicht im stile antico. Die Feder verharrt. "Gibst mal, Friede?" Die Hand eines Älteren zieht das Blatt zu sich und nimmt die Feder. Er schreibt die untere Stimme noch mal so auf, wie der Erste sie entwarf, und entwickelt aus dem Anfang der oberen Stimme eine perfekte Linie. Dann tauscht er die Stimmen. Passt auch. Dann kommen Terzen dazu. Vierstimmigkeit. Passt alles.

Fast nichts ist fiktiv an dieser Nahaufnahme. Es gibt dieses Blatt, eines von mehreren, die zwei Handschriften zeigen. Der Ort: Dresden. Die Zeit: wohl Anfang Dezember 1736. Es ist weniger Unterricht, was die beiden da betreiben, als ein Handwerksdialog zwischen zwei Komponisten. Dass der Ältere die Führung übernimmt, muss den Jüngeren nicht beschämen. Sein Gegenüber, leicht über fünfzig, ist Johann Sebastian Bach. Sein Vater. Der Thomaskantor hat in diesem Jahr die neue Fassung der Matthäuspassion vollendet, nun besucht er den ältesten Sohn, Organist an der Sophienkirche in Dresden, Wilhelm Friedemann. Bachs unter sich. So nah sind wir den beiden selten. Wir erkennen Sohn und Vater – den Schatten des Vaters. In diesem Schatten verkümmerte aber nicht Friedemann, sondern unser Zugang zum genialen Sohn, der vor 300 Jahren zur Welt kam.

Er ist einer der verkanntesten, einer der am meisten missbrauchten Komponisten. Ein Künstler, der dem großen Publikum als fiktive Gestalt vertrauter ist als durch seine Werke. An die zwanzig Dichtungen befassen sich mit ihm als Gescheitertem, dazu eine Oper von Paul Graener (1931) und ein berühmter Spielfilm (1941) mit Gustaf Gründgens in der Hauptrolle, dröhnende Werke im braunen Zeitgeschmack. Sie fußen auf dem bis heute wohl populärsten deutschen Musikerroman, dem 1858 erschienenen Friedemann Bach von Albert Emil Brachvogel. Darin gerät der Hochbegabte früh vom Wege ab und in die Fänge der Hofgesellschaft zu Dresden, während der Autor ihm zuruft: "Oh Friedemann, hättest du des Vaters mahnendes Wort befolgt, dir wäre besser!"

Es folgt der Weg in Wahnsinn, Verzweiflung, Festungshaft und die Arme einer Zigeunerin. Die Reihenfolge ist dabei unerheblich, entscheidend die Fallhöhe vom Himmel zur Hölle. Gibt es ein kollektives Bedürfnis, sich für die Unantastbarkeit des großen Bach an einem Sohn zu rächen? Brachvogels Buch erreichte ungeheure Popularität, wurde zuletzt 1983 neu aufgelegt und ist auf jedem Flohmarkt zu haben. Noch im Bachlexikon von 2000, einer Fachpublikation, liest man mit Erstaunen, der Roman basiere auf "zahlreichen Informationen, die historischer Überprüfung standhalten". Man muss aber – und damit fängt’s schon an – nicht viel prüfen, um herauszufinden, dass Friedemann weder 1704 geboren wurde, noch dass seine Mutter Dorothea hieß. Tatsächlich hat ihn am 22. November 1710 Maria Barbara Bach zur Welt gebracht, Johann Sebastians erste Frau. Eine Bach-Gattin namens Dorothea hat es nie gegeben.

Ein Adagio – abgründig, todtraurig und schon reinster Mozart

Das Bild des Gescheiterten ist freilich nicht ganz ohne Grund entstanden. Während Friedemanns Bruder Carl Philipp Emanuel, vier Jahre jünger, sich später in Hamburg glänzend etabliert, von Mozart als der eigentlich "große Bach" bewundert und aufgeführt wird, Sturm und Drang und systematische Formexperimente in die Musik bringt, ein begnadeter Kommunikator und guter Geschäftsmann ist, kann Friedemann nie so recht Fuß fassen – und sein Talent "nicht gänzlich entfalten", wie selbst Peter Wollny einräumt. Der Leipziger Musikwissenschaftler betreut die auf elf Bände angelegte Gesamtausgabe und hat ein neues Werkverzeichnis verfasst; er ist es auch, der mit glänzender Kombinatorik die Skizzenblätter von Sohn und Vater datiert und entziffert hat.

Auf ihnen wird etwas deutlich, das Friedemann von den Komponisten seiner Generation unterscheidet: sein anhaltendes, geradezu konservatives Interesse an der hohen Kunst des Kontrapunkts. "Der polyphone Satz", sagt Wollny, "wird niemals angetastet. Darin bleibt sich Friedemann treu." Und damit ist er aufgewachsen. In Weimar, in einem engen Haus am Markt, auf dessen Fundamenten sich heute ein Parkplatz befindet, dann in Köthen. Hier entstand für ihn ein einzigartiges Dokument musikalischer Frühausbildung. Neun Jahre war der Knabe alt, als sein Vater das Clavier-Büchlein / vor Wilhelm Friedemann anlegte, mit eigenen Stücken und solchen anderer Zeitgenossen, mit Verzierungstabellen und Platz für Komponierübungen.

Friedemann trat ein in eine Musikerdynastie, die lange vor Johann Sebastian anhebt und es auf 77 Profis brachte, seit ihr Ahnherr um 1550 vor den Katholiken aus Ungarn ins Thüringische geflohen war. Als Friedemanns Großvater Ambrosius zur Welt kam, war "Bach" dort schon ein anderes Wort für Musiker. Der Clan gedieh auf dem politischen Flickenteppich an der heutigen A4. In all den Fürstentümern, Grafschaften, Reichsstädten, Enklaven wurden so viele Musiker gebraucht wie nirgends sonst. Manche ihrer Stücke führten die Bachs über Generationen hinweg auf, sie entdeckten sich dabei als Geniekollektiv. Dieser Anspruch dürfte den ersten Sohn Johann Sebastians mit umso größerer Wucht getroffen haben, als er hochbegabt war. "Du bist mein gutes Jüngelchen", schrieb ihm der Vater in ein Notenheft.