Völlig entkräftet liegen Menschen in den wenigen Betten und auf den Böden der Krankenhäuser. Leichen stapeln sich in den Lagerhallen. Menschen schreien und weinen, von Panik übermannt. Nach dem verheerenden Erdbeben am 12. Januar wütet jetzt die Cholera in Port-au-Prince, der Hauptstadt von Haiti. "Alle Krankenhäuser in Port-au-Prince sind mit Patienten überfüllt, wir sehen siebenmal so viele Fälle, wie wir drei Tage zuvor insgesamt hatten", notierte Stefano Zannini von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen am vergangenen Wochenende.

Der Seuchenzug hatte Mitte Oktober in der Nähe von Saint Marc begonnen , 95 Kilometer nordwestlich von Port-au-Prince. Schon wenige Tage später war die Cholera in der Hauptstadt aufgetaucht. Im Land wurden bis Anfang vergangener Woche 15.000 Menschen in Krankenhäusern behandelt, mehr als 1000 Menschen fielen der Durchfallerkrankung bisher zum Opfer.

Die Stadt Saint-Marc, wo die Cholera das erste Mal auftrat, liegt rund 100 Kilometer nördlich von Port-au-Prince (blaue Markierung, rot ist die Hauptstadt Port-au-Prince eingezeichnet)

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, liegt an den Eigenschaften des Erregers Vibrio cholerae . Viele Menschen tragen ihn schon lange in sich, bevor sie den ersten Durchfall bekommen. "Wenn Cholerafälle bemerkt werden, dann ist das Bakterium schon weit verteilt", sagt Richard Sack, Choleraexperte von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health . "Die weitere Verbreitung des Bakteriums ist kaum mehr aufzuhalten", bestätigt Aphaluck Bhatiasevim von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ein Überspringen auf die angrenzende Dominikanische Republik hält sie für möglich. Impfungen mit der begrenzt wirksamen und teuren Vakzine gegen Cholera seien nicht hilfreich. "Zwei Dosen im Abstand von einer Woche sind notwendig, und die Wirkung tritt erst eine weitere Woche später ein."

Der UN-Sprecher Nicholas Reader geht davon aus, dass die Cholera noch lange im Land wüten wird. Fürs Erste bitten die Vereinten Nationen die Staatengemeinschaft dringend um 164 Millionen Dollar Soforthilfe. Auch Stefano Zannini von Ärzte ohne Grenzen befürchtet, dass es erst noch viel schlimmer wird, bevor sich die Lage entspannt. Immerhin stürben nicht mehr so viele Menschen, sagt Reader, obwohl die Zahl der Erkrankten rasant steige.

Anders als kolportiert, sei nicht das Überangebot von Tausenden Nichtregierungsorganisationen (NGOs) ein Problem. "Hinter den meisten stehen nur ein, zwei Personen", sagt Reader, "rund ein Dutzend Großorganisationen leisten die eigentliche Arbeit." Nach dem ersten Ansturm von NGOs fehlen jetzt reichlich Helfer . In den rund 500 Slums in der Nähe von Port-au-Prince sorgt sich niemand um die Nöte der Vertriebenen. Sie trinken weiterhin verseuchtes Wasser und halten sich aus Furcht von Krankenhäusern fern. Die Stimmung ist angespannt. 50 Jahre lang hatte es in Haiti keine Cholera gegeben, plötzlich taucht die Seuche aus dem Nichts auf. Analysen haben ergeben, dass der Keim aus Asien stammt. Jetzt verdächtigen die verängstigten Bewohner nepalesische Blauhelme, Vibrio cholerae eingeschleppt zu haben. Vergangene Woche attackierten Haitianer die UN-Truppe .

Aufklärung ist zurzeit eine der wichtigsten Waffen gegen die Seuche. Die amerikanische Hilfsorganisation Partners in Health (PIH) ist schon seit 20 Jahren im Land und hat dort eine Krankenversorgung aufgebaut. Jetzt bildet die Organisation verstärkt Haitianer aus, die dann ausschwärmen und ihre Landsleute warnen. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe. "Von tausend Aids-Patienten, die vor dem Erdbeben geschult wurden", sagt Ali Lutz von PIH, "ist kein einziger an Cholera erkrankt."