DIE ZEIT: Herr Oberbürgermeister, wie fühlt es sich an, einer tief gespaltenen Stadt vorzustehen?

Wolfgang Schuster: Wir haben in Stuttgart eine sehr lebendige Debatte über das Bahnprojekt. Es gibt aber, Gott sei Dank, viele andere Themen, bei denen großes Einvernehmen herrscht. Man sollte Stuttgart nicht auf den Bahnhof reduzieren.

ZEIT: Wie stark hat Stuttgart 21 von der Stadt Besitz ergriffen?

Schuster: Inzwischen ist eine sachlichere Atmosphäre eingetreten, nicht zuletzt, weil Heiner Geißler als Schlichter tätig ist. Das hat gewirkt. Es ist wichtig, dass man den Abwägungsprozess, der vor mehr als 20 Jahren begonnen hat, noch einmal nachvollzieht. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, und da hilft die Schlichtung sehr.

ZEIT: Viele Bürger haben gar kein klares Bild mehr von Ihnen. Seit Monaten sind Sie regelrecht abgetaucht. Ist das Ihr Verständnis von der Rolle eines Stadtoberhaupts?

Schuster: Ich bin jeden Tag in der Stadt unterwegs, rede täglich mit den Menschen. Allerdings: Meine Aufgabe ist es, moderierend zu wirken. Das mag nicht so medienwirksam sein, als wenn ich klare Kante zeigen würde. Ich halte es aber für ganz wichtig, dass ich eher beruhige, als Diskussionen emotional aufzuheizen.

ZEIT: Sie haben sich bisher noch auf keiner Demonstration der Projektgegner blicken lassen. Warum stellen Sie sich nicht?

Schuster: Ich hatte angeboten, dort aufzutreten, und bin ausgeladen worden.

ZEIT: Und wenn nun eine Einladung kommt?

Schuster: Dann gehe ich selbstverständlich hin.

ZEIT: Als wieder einmal 50.000 Demonstranten in Stuttgart auf der Straße waren, da flogen Sie nach Chile, um einen Platz einzuweihen. Flüchten Sie?

Schuster: Ich halte es für verantwortbar, auch Termine außerhalb der Stadt wahrzunehmen.

ZEIT: Warum haben Sie nicht einmal spontan am Bahnhof mit den Gegnern geredet?

Schuster: Ich rede jeden Tag mit vielen Gegnern und Befürwortern von Stuttgart 21. Aber die Demonstrationen erhielten im Sommer eine emotionale Dimension. Ich bekam Morddrohungen. Am Anfang habe ich das gar nicht ernst genommen, nach der dritten habe ich dann die Kripo informiert. Ich kann aber, Gott sei Dank, ohne Polizeischutz leben.

ZEIT: Am 30. September, jenem schwarzen Donnerstag, an dem die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Demonstranten vorging, hatten Sie da Angst um Ihre Stadt?

Schuster: Mich hat das sehr betroffen gemacht. Ich habe mich noch am selben Nachmittag an die Öffentlichkeit gewandt mit der Bitte um Mäßigung auf beiden Seiten. Zu dem Zeitpunkt war die Situation schon so schwierig und aggressiv. Ich habe das bedauert, weil das den Umgang miteinander danach erheblich erschwert hat.

ZEIT: Der Protest richtet sich auch stark gegen Ihre Person. Sie werden zum Beispiel als Lügner beschimpft. Haben Sie noch genügend Rückhalt?

Schuster: Ich warne immer vor Generalisierungen. Natürlich ist das wenig erfreulich, wenn mehrere Tausend Menschen "Lügenpack" skandieren und andere diffamierende Behauptungen aufstellen. Andererseits hat das zu einer starken Solidarisierung geführt, was meine Person anbelangt.

ZEIT: Haben Sie je an Rücktritt gedacht?

Schuster: Nein, warum auch? Ich habe eine Aufgabe übernommen, die ich mit Freude, Engagement und Erfolg angehe. Wichtig ist dabei die Neutralität. Ich habe zum Beispiel verboten, dass die Mitarbeiter der Stadt Stuttgart-21-Buttons tragen – in die eine oder andere Richtung.