Die Haustür ist angelehnt, links führt eine Treppe ein paar Stufen hinab, dann ist man da. Kein Schaufenster, kein Plakat verrät von der Straße her, dass sich in diesem großbürgerlichen Stadthaus eine Galerie befindet. Die Besitzerin – schlank, elegant, nervös – sitzt im Büro neben dem kalkweißen, lichtdurchfluteten Ausstellungsraum am Computer und sucht Bilder für den Katalog zu einer Ausstellung aus, die in ein paar Wochen hier eröffnet wird. Die junge Künstlerin (sie steht daneben) malt auf Plastiktüten aus Teheraner Geschäften und Supermärkten menschliche Figuren; ein paar der Gestalten sind nackt. Ein Akt, wird beschlossen, kommt in den Katalog, einen kann man riskieren, der islamischen Tugenddiktatur zum Trotz – nur einen, "man muss es nicht übertreiben". Aber ausstellen, zum Verkauf anbieten, wird die Galeristin die Bilder ohne Ausnahme: "Hier zeige ich alles."

Iran-Karte © ZEIT Grafik

Das ist Iran: unterdrückt, aber nicht (ganz) unterworfen, stolz auf die kostbaren Räume der Freiheit, in einem mühsamen, kleinteiligen Kampf um Würde und Selbstbehauptung. Ein Land der Widersprüche: Die unterirdische Galerie ist mitnichten eine Untergrund-Galerie, sondern ein schickes Stück Kunstmarkt mit Kunden in Dubai und London und unter den alten und neuen Reichen in Teheran – aber bei den Bürgerprotesten gegen die massiv gefälschte Präsidentschaftswahl im Sommer 2009 war die Galeristin dabei und wurde für zwei Wochen eingesperrt.

Die Bilder, die jetzt im Ausstellungsraum hängen, stammen von einem Cousin der letzten Kaiserin, der in Teheran das Museum für Zeitgenössische Kunst gebaut hat und 1979 zusammen mit der Herrscherfamilie ins Exil getrieben wurde. Er lebt seit Jahrzehnten in Paris, kann seine Heimat nicht betreten, aber seine Bilder hat er geschickt, und eines will er "seinem" alten Museum vermachen, das jetzt der Islamischen Republik Iran gehört – und der heutige Museumsdirektor, der Kunstfunktionär des Mullah-Regimes, nimmt das Geschenk aus Feindeshand tatsächlich an. Iranische Widersprüche.

Iran, das Thema Iran, kehrt in diesen Wochen auf die Weltbühne zurück. Es beginnen neue internationale Verhandlungen über Teherans Atomprogramm, während in den USA lauter über einen Irankrieg spekuliert wird. Iran gilt als Gefahrenquelle der Weltpolitik, als Reich des Holocaust-Leugners Mahmud Ahmadineschad – und gleichzeitig ist Iran noch etwas ganz anderes. Es ist das Land, dessen Bürger im Sommer 2009 massenhaft gegen Ahmadineschads gestohlenen Wahlsieg demonstrierten – ein bewegender Augenblick wie in den europäischen friedlichen Revolutionen von 1989, ein Moment der globalen Sympathie.

Die Regierung hat die Proteste niedergeschlagen, aber das andere, schönere Bild des Landes hat sich der Welt eingeprägt und will nicht mehr verschwinden. Seither liegen Fragezeichen über allem, was mit Iran zu tun hat. Was ist vom Aufbruch der Bürger übrig geblieben? Haben die Hardliner die Lage wirklich wieder unter Kontrolle? Mit was für einem Land hat es der Westen eigentlich zu tun, wenn er in seiner Iranpolitik vor der Entscheidung zwischen Entspannung und Konfrontation steht?