Dieses Büchlein baut dem Rezensenten eine Falle, denn es weiß schon, wie es von ihm gelesen werden wird: Das bürgerliche Feuilleton wird unter der Absonderung von politischem Abscheu seine poetische Qualität rühmen, seinen Stil und seine Bildung. Danach aber wird die "Medien-Omertà" das Buch in die "Abstellkammer der Meinungsfreiheit" verbannen. Denn die bürgerliche Kultur hat die Wahrheit über den Kapitalismus noch nie ertragen. Schon immer war sie die "Sterbeanstalt, in der Revolutionswünsche auf Grund laufen".

Wer wissen will, wer das geschrieben hat, der wird es nicht erfahren. Die Autoren der Revolutionsschrift bleiben anonym und nennen sich das "Unsichtbare Komitee". Seit drei Jahren geistert ihr kommunistisches Manifest durch die linke Szene, und kaum ist es auf Deutsch erschienen, ist es auch schon vergriffen. Ihre Popularität verdankt die Flugschrift allerdings auch ihrem treuesten Leser, der Pariser Justiz. Sie sieht in dem 36-jährigen Philosophen Julien Coupat den Kopf der Gruppe und warf ihm die "Bildung einer terroristischen Vereinigung" vor . Coupat, ein Anhänger des Philosophen Giorgio Agamben , landete daraufhin sechs Monate in Haft, doch nachweisen konnte man ihm nichts. Danach hatte der Linksradikalismus eine neue Widerstandsfibel: L’insurrection qui vient – Der kommende Aufstand (Nautilus Verlag, 128 S., 9,80 €).

Das Manifest besteht aus zwei Teilen, aus Theorie und Praxis. Was hier Theorie genannt wird, gleicht jedoch eher einem funkelnden Stück Untergangsprosa – es zeichnet die Gegenwart als Hölle der Entfremdung. Sieben Kreise hat das Inferno, und von Kreis zu Kreis wird es schlimmer. Die Kinder "kommen in Betonklötzen zur Welt, sie pflücken in Supermärkten ihr Obst und lauern im Fernsehen auf das Echo der Welt". Wie die Kinder, so sind wir alle. Wir sind "Exilanten der letzten Stunde", kleine Nihilisten, die an nichts mehr glauben, wie überhaupt der Westen an nichts mehr glaubt. Im Irakkrieg folterte er im Namen der Menschenrechte und verriet seine "heiligsten" Werte. Damit sind "alle Illusionen aufgebraucht", und nun wird die "Herrschaft des Relativismus" untergehen. "Keine Ordnung kann sich auf Dauer auf das Prinzip gründen, dass nichts wahr sei."

In diesem Ton klingt das apokalyptische Tremolo, und seine Übertreibungen erinnern mal an den höllischen Zynismus eines Baudrillard, mal an eine Mixtur aus Michel Houellebecq und Oswald Spengler. Anders gesagt: Die Autoren tun einen Teufel, dem Leser mit der dürren Formel "Gerechtigkeit" zu kommen, sie locken ihn mit dem Pathos des "Lebens". Kapitalismus, so steht es auf jeder Seite, ist ein Angriff auf das "Lebendige", auf das Ganze unserer Existenz, und noch nie in der Geschichte waren die Menschen einander gleichgültiger als im "Bordell-Licht der Metropolen", noch nie war ihre Indifferenz größer. Kapitalismus ist die Ausweitung der Kampfzone in die Landschaft der Seele. Schon seine Kinder jagt er in die Mühlen der Konkurrenz, er "zermalmt" Bindung und Gemeinschaft, und die Freiheit, die er predigt, meint nur "die Freiheit, sich loszureißen". So entstehen "kybernetische Einsamkeiten", die mit nichts anderem beschäftigt sind als mit der "Wiederzusammensetzung ihrer Identität". Und wieder ist Frankreich die Avantgarde des Desasters, es ist ein Mekka der Depression. "Der Hass gegen den Fremden verschmilzt mit dem Hass gegen sich selbst als Fremden."

In vielem erinnert diese Litanei an die Seelenlage des Fin de Siècle, an die Ausrufung der großen dekadenten Müdigkeit. Und wie damals gibt es nichts Wahres im Falschen, nicht einmal in der Liebe. Ihre Sprache sei verdorben vom Müll der Frauenzeitschriften, "bis zum Erbrechen" beherrscht vom Gesetz der Lüge und der Fremdheit. "Drei Jahrzehnte pornografischer Innovationen haben jeglichen Reiz der Befreiung erschöpft." Auch wenn der Staat nun die Familie biopolitisch neu erfindet, so "ist die Familie, die nun wiederkommt, nicht mehr die, die weggegangen ist. Jeder kann die Traurigkeit bezeugen, die Familienfeten kondensieren."

Das war aber nur das Fegefeuer, und jetzt kommt die Hölle. Es ist die Arbeitswelt, der Zwang zum "Immer-mehr", der Verschleiß um des Verbrauchens wegen. "Nicht die Ökonomie ist in der Krise, die Krise ist die Ökonomie selbst." Die leere Arbeit "triumphiert restlos über alle anderen Arten zu existieren", und zwar genau zu der Zeit, als die Arbeit historisch "überflüssig geworden ist".

Damit nun keiner auf die Idee kommt, das kapitalistische Babylon ließe sich reformieren, führt das Manifest die Höllenknechte vor, die Lakaien des Kapitals. Es sind, man staunt, die Grünen, die Ökoapostel, die "Grafiker im handgestrickten Pullover" mit ihrem Apple auf den Knien. Denn die Ökologie "ist nur die neue Moral des Kapitals", und die Grünen sind seine Ministranten, die mithelfen, die "klebrige Masse der Schuld" auf die Schultern der unschuldigen Bevölkerung zu verteilen. Unter dem Vorwand, die Erde zu retten, "retten sie nur das, was die Erde zu diesem trostlosen Gestirn gemacht hat".