In den vergangenen Jahren ist Leseförderung enorm in Mode gekommen: Allenthalben gibt es Vorleseinitiativen, Lesefeste, lange Büchernächte. Das ist gut so, denn sicheres Textverständnis ist eine unabdingbare Voraussetzung für alle weiteren Bildungsbemühungen. Und so ist es auf der ersten Ebene egal, was Kinder lesen: Hauptsache, sie lesen überhaupt etwas. Wenn wir aber über den Mehrwert von Literatur sprechen, sollten wir uns nicht damit zufrieden geben. Literatur, auch Literatur für Kinder, ist mehr als eine technische Gebrauchsanleitung, ein kommerzielles Jugendmagazin oder die industrielle Massenunterhaltung, mit der der Kinderbuchmarkt überschwemmt wird. Literatur ist offen, unbestimmt, sie verlangt dem Leser Eigenleistungen und Aktivität ab: Aus den Zeichen des Textes muss er Bedeutung, aus den Einzelbedeutungen Geschichten zusammensetzen. Er muss den Fortgang einer Handlung vorausahnen, Leerstellen füllen, die der Autor gelassen hat. So sind literarische Texte auch Kommunikationsangebote: Im Umgang mit ihnen lernen wir, uns selbst und andere zu verstehen. Das vielleicht wichtigste Kriterium zur Definition von "guter" Kinderliteratur: dass sie, so wie gelingende Erziehung, alles schon berücksichtigt, was der erwachsene Mensch einmal sein, können, ersehnen wird. Sprache, Komposition und Inhalt der Kinderliteratur erlauben dem Leser jeden Alters, die Welt gleichzeitig wie vertraut, aber auch neu zu erleben. Zu diesem künstlerischen Anspruch gehört allerdings auch, dass die Bücher den jungen Leser packen, überraschen, ihn zum Lachen und zum verwirrten Stirnrunzeln bringen.

Die LUCHS-Jury von ZEIT und Radio Bremen findet solche Werke, wählt zwölf Monats- und daraus einen Jahrespreisträger aus. Auf dieser Doppelseite zeigt sich die ganze Vielfalt von Bilderbüchern, Lyrikbänden, Sach-, Kinder- und Jugendbüchern. Starke Kandidaten für den Jahres-LUCHS gab es bei den Jugendbüchern, wo gegenwärtig, in einer Art Gegenbewegung zum nivellierenden All-Age-Trend, spannende literarische Dinge passieren. Dass wir uns hier schließlich nicht für Jenny Valentines sensible Familiengeschichte Kaputte Suppe entschieden haben, nicht für Jana Scheerers rasantes Road-Movie Mein Innerer Elvis und auch nicht für Janne Tellers hochkontroverse existenzialistische Novelle Nichts. Was im Leben wichtig ist, lag an der bestechenden sprachlichen und erzählerischen Qualität von Maria Parrs Sommersprossen auf den Knien. Aber auch daran, dass im Kinderbuch eine fast schon programmatische Lieblosigkeit dominiert. Den Herden von flachen Charakteren ein so würdevolles Kind wie Tonje Glimmerdal gegenüberstellen zu können, ist eine Freude. Ein Zeichen. Und die beste Leseförderung.

Die Jury

Die LUCHS-Jury bilden Karsten Binder, Brigit Dankert, Hartmut El Kurdi und Susanne Gaschke.

Am 25. November erhalten Maria Parr und ihre Übersetzerin Christel Hildebrandt den Jahres-LUCHS. Die Sendung zur Preisverleihung hören Sie am 26. November zwischen 13 und 14 Uhr im Nordwestradio