Angst vor Kindern? Pah! Maria Parr, zierlich, blond, 29 Jahre alt, tritt ohne Zaudern vor eine siebente Klasse. Die Autorin ist auf Lesetour in den Schulen der norwegischen Kleinstadt Namsos, hoch oben im Norden des Landes. Das norwegische Kultusministerium finanziert solche Besuche, damit auch die Kinder in den entlegenen Orten eine Chance haben, mit Schriftstellern, Musikern und Künstlern zusammenzutreffen.

"Was glaubt ihr wohl, wie lange ich gebraucht habe, um mein erstes Buch zu schreiben?", fragt Maria die Schüler. "Drei Jahre?" – "Nein." – "Vier Jahre?" – "Nein." – "Zehn Jahre?!" – "Ja!", ruft Maria und winkt zustimmend in die Richtung des Antwortgebers. Der ist ziemlich verblüfft darüber, mit seiner Schätzung richtig zu liegen. Soooo lange! Die Frau ist doch noch so jung. Wann hat sie bloß angefangen zu schreiben?

An diesem Morgen steht Maria Parr vor einem herausfordernden Publikum: Einige der Zuhörer sind noch eindeutig Kinder, andere schon an der Schwelle zur Pubertät. Elf, zwölf, dreizehn Jahre, das ist ein schwieriges Alter – oft muss man schon cool sein, darf an keiner Sache zu viel Interesse zeigen. Auch nicht an einer Schriftstellerin, die zu Gast ist. Doch Maria Parr ist sehr sicher im Umgang mit den Schülern. Das ist gewiss auch dem Umstand geschuldet, dass sie nicht nur eine ziemlich erfolgreiche junge Autorin ist, sondern außerdem ein abgeschlossenes Lehramtsstudium samt Referendariat vorweisen kann. "Unterrichten gehört für mich zu den wichtigsten Dingen, die man überhaupt im Leben machen kann", sagt sie. Man merkt das.

Maria Parr zieht die Klasse in ihren Bann: Sie erzählt, wie sie ihre drei jüngeren Geschwister, mit denen sie im selben Zimmer schlief, zwang, abends wach zu bleiben und zuzuhören, bis sie ihre Geschichten zu Ende erzählt hatte. Vom Schreiben spricht sie, davon, wie viel Hilfe man von Lektoren und Kollegen braucht (und auch bekommt). Sie berichtet, wie viel es ihr bedeutet hat, schon als Kind in der Schule regelmäßig zu schreiben, und wie wichtig es war, dass ihr Lehrer ihre Bemühungen ernst nahm. Sie erzählt von dem frustrierenden Moment, als sie ihr erstes Manuskript mit einem freundlichen, aber ablehnenden Schreiben vom Verlag zurückgeschickt bekam – und von dem Stolz als sie erfuhr: Endlich hat es doch geklappt, es wird wirklich ein Buch! Dann liest sie aus Waffelherzen an der Angel vor, ihrer ersten Erzählung aus dem Jahr 2005, in der es um die zum größeren Teil haarsträubenden Erlebnisse der Kinder Lena und Trille geht. Parr wurde mit Waffelherzen für den renommierten Bragepreis nominiert. Gerade wird der Stoff vom norwegischen Fernsehen verfilmt.

Immer wieder muss Maria bei ihrem eigenen Vortrag lachen, und ihr Publikum lacht mit: begeistert und ein bisschen erstaunt von der Erkenntnis, dass man offenbar auch ohne Castingshow eine Art Star werden kann, ganz einfach indem man – erzählt.

"Wollen wir eine Pizza essen?", fragt mich Maria mittags. Nach stundenlanger Lesung und Diskussion in drei verschiedenen Klassen ist sie heißhungrig – "und die Leute hier scheinen hauptsächlich von Pizza zu leben", sagt sie und grinst. Namsos ist ein typischer Ort an der norwegischen Westküste: an einem Fjord gelegen, umrahmt von Bergen, ein wenig Industrie, ein schmuckloses Stadtzentrum, und in den Restaurants gibt es eben eher Pizza und Burger als Gourmetspeisen. "Wir Norweger sind kein Volk, das viel ausgeht zum Essen", sagt Maria. Wer sich in Fiska, dem winzigen Heimatort ihrer Eltern, allein im einzigen Café des Dorfes zeige, könne sicher sein, dass sofort darüber spekuliert werde, ob bei ihm zu Hause noch alles in Ordnung sei. Viel wichtiger als schicke Kneipen und Lifestyle sei in diesem Land der Zusammenhalt der Familie, sagt Maria. Auch das private Treffen mit Freunden habe einen hohen Stellenwert: "Besonders zu Weihnachten ist es schön, dann kommen all die verstreuten Freunde nach Hause."

Maria wirkt erstaunlich verwurzelt für einen so jungen Menschen. Heimat und Tradition sind keine Begriffe, die ihr fremd oder unangenehm wären. Sie schreibt in Nynorsk, der ländlicheren, weniger verbreiteten Schriftsprache Norwegens (die andere heißt Bokmal). Auf diesen Ausdruck regionaler Identität legt sie großen Wert. Natürlich benutzt sie als junge Frau neue Medien, "aber ich weigere mich, die ganze Zeit erreichbar zu sein", sagt sie. Am schönsten findet sie es, vollkommen ohne Telefon in den Fjells zu wandern: "Du sagst den Leuten Bescheid, wenn du losgehst, du informierst die Leute, bei denen du ankommen willst. Das reicht, um nicht verloren zu gehen." In Oslo oder Bergen (wo sie studiert hat) könne sie auf die Dauer nicht leben, meint Maria, zu voll, zu viele Menschen. In Volda, wo sie jetzt mit ihrem Freund wohnt, hat sie es ideal getroffen. Dort entsprechen die alten Häuser sehr dem Bild von Norwegenromantik, und man ist in wenigen Minuten draußen in der Natur, aber eine Hochschule sorgt auch für ein lebendiges intellektuelles Klima.