Das Schwinden der Gletscher ist ein Symbol für den Klimawandel. Damit verbunden sind Warnungen, fast jede zweite Pflanzenart in den Alpen drohe bis zum Jahr 2100 auszusterben. Hauptgrund: Die Erwärmung verschiebt die Vegetationszonen nach oben. Kleine, kälteliebende Arten könnten dem raschen Wandel nicht folgen. Doch zumindest diese Prognose scheint falsch. Statt zum Schauplatz für ein Artensterben werden die Alpen eher zur Zufluchtsstätte für zahlreiche Arten. Wie das?

Christian Körner und Daniel Scherrer von der Universität Basel untersuchten, wie die Gebirgsvegetation auf etwa 2500 Metern Höhe von der Luft- und Bodentemperatur und der Geländestruktur abhängt. Im Journal of Biogeography berichten sie, dass schon innerhalb weniger Meter große Temperaturunterschiede auftreten – weit mehr, als der Weltklimarat IPCC für 2100 vorhersagt. So wird die Südseite eines Felsbrockens in der Frühlingssonne mollig warm, während an seiner schattigen Rückseite noch Schnee liegt. Differenzen von 20 und mehr Grad sind an Nord- und Südhängen häufig. Solche Unterschiede im Mikroklima aber fördern eine variationsreiche Vegetation.

Wird es einem Pflänzchen oder Tierchen zu warm, dann findet es oft Zuflucht ums nahe Eck. Deshalb haben viele Gebirgsarten historische Klimaschwankungen auch gut überstanden. Klimamodelle rechnen nicht metergenau, sondern mit kilometergroßen Rastern. Statt der wichtigen, variablen Bodentemperaturen nutzen sie großflächige Lufttemperaturen. Das mag für große Ebenen und Wälder akzeptabel sein. Im Gebirge ist dies biologisch unrealistisch.

Die Schweizer Forscher wollen Klimawandel und Artenschwund nicht verharmlosen, sondern realistischer bekämpfen. Allzu simple Warnungen und Prognosen wie einst beim Waldsterben schaden dem Naturschutz langfristig mehr, als dass sie ihm helfen.