Hat sich der internationale Markt für zeitgenössische Kunst berappelt, hat er die Krise hinter sich gelassen? Für Carsten Ahrens eine bange Frage, denn er war als Einlieferer zur großen Herbstauktion bei Sotheby’s nach New York gereist. Und wollte mit möglichst viel Geld nach Deutschland heimkehren. Carsten Ahrens ist kein reicher Privatsammler, er ist Direktor des Not leidenden Sammlermuseums Weserburg in Bremen. Das Museum, das sich auf das Ausstellen großer Privatsammlungen spezialisiert hat, löst derzeit seine kleine eigene Sammlung auf, um vom Erlös notwendige Umbauten im Haus bezahlen zu können (ZEIT Nr. 39/10) . Das auf dem Kunstmarkt wertvollste Werk aus dieser Sammlung, Gerhard Richters Matrosen von 1966, hatte Ahrens mit der Zustimmung des ehemaligen Spenders nach New York gebracht, wo traditionell die höchsten Preise für Kunst gezahlt werden. Auf sechs bis acht Millionen Dollar hatte das Auktionshaus den Wert des Gemäldes geschätzt, doch seit dem Platzen der Kunstmarktblase vor zwei Jahren sind solche Höchstpreise längst nicht mehr garantiert.

Als der Auktionator Tobias Meyer endlich das Los mit der Nummer 36 aufrief, ging die Bieterei flott los, innerhalb weniger Sekunden war der Preis für die Matrosen in Viertelmillionenschritten bei acht Millionen Dollar angelangt. Plötzlich geriet das Bieten ins Stocken, aber dann ging es weiter, berichtet Ahrens am Telefon aus New York, zehn Millionen, elfmillionenfünfhunderttausend, elfmillionensiebenhundertfünfzigtausend Dollar. Klack! Ein im Saal sitzender Kunsthändler hatte das Gemälde für einen anonymen Privatsammler aus den USA ersteigert. Carsten Ahrens ist sehr glücklich. Das Museum Weserburg wird schon bald eine neue Klimaanlage bekommen.

Und nicht nur er konnte über die Auktionen der vergangenen Woche zufrieden sein. Das zuletzt nicht sehr erfolgreiche Auktionshaus Phillips de Pury, nach Christie’s und Sotheby’s die Nummer drei auf dem internationalen Markt für zeitgenössische Kunst, konnte am Montag der vorigen Woche so viele Dollar wie noch nie umsetzen: insgesamt 137 Millionen.

Vergangenes Jahr hatte Phillips de Pury in der gleichen Novemberauktion nur für sieben Millionen Dollar Kunst verkaufen können. Die Steigerung um das Zwanzigfache geht auf das attraktive Angebot an Losen zurück, die der private Kunsthändler Philippe Segalot ausnahmsweise für Phillips de Pury zusammengetragen hatte. Segalot, der früher für Christie’s arbeitete und heute Großsammler wie François Pinault und Steve Cohen berät, hatte von seinen illustren Kunden unter anderem Andy Warhols Gemälde Men in her Life (1962) eingeworben, das der viel verheirateten Schauspielerin Elizabeth Taylor gewidmet ist. Zwei Telefonbieter stritten sich lang um das Kunstwerk und trieben seinen Preis schließlich auf 63,4 Millionen Dollar hoch (inklusive der Kommission des Auktionshauses).

Auch die beiden Großen zeigten sich zufrieden: Bei Christie’s verkaufte man Kunst für 272 Millionen Dollar – im November 2009 waren es nur 74 Millionen gewesen, im November 2007 allerdings noch 325 Millionen. Sotheby’s setzte 222 Millionen Dollar um; 2009 hatte man 134 Millionen Dollar erreicht. Beide Häuser konnten fast alle angebotenen Werke verkaufen. Bei Christie’s wurde ein neuer, spektakulärer Auktionsrekord aufgestellt: Noch niemals zuvor hatte es jemand gewagt, für ein Gemälde von Roy Lichtenstein fast 43 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) auszugeben. Das Gemälde hatte einst dem Schauspieler Steve Martin gehört, jetzt kam es aus der Sammlung des Kasino-Moguls Steve Wynn.

Die spekulativen Preisschwankungen, die die Kunstwerke über die Jahre durchmachen, sind nicht nur für Außenstehende erstaunlich: Warhols Bild einer Coca-Cola-Flasche von 1962 wurde bei Sotheby’s für gut 35 Millionen Dollar versteigert, die Vorbesitzerin hatte es 1983 für 143000 Dollar ersteigert. Welche Aktie bringt solche Gewinne?

Insgesamt wurden gut zwei Dutzend Werke von Warhol versteigert, seine Kunst dominierte die Auktionen, sie scheint – neben den sich ebenfalls sehr gut verkaufenden Gemälden von Gerhard Richter – die harte Währung für die Zeit nach der Krise zu sein. Es gab allerdings auch Verlierer: Mehrere Bilder und Skulpturen von Jeff Koons konnten gar nicht oder nur zu deutlich niedrigeren Preisen als vor drei Jahren versteigert werden.