Wie kann es sein, dass einer Haus und Hof und sein gesamtes Hab und Gut verkaufen, verschenken oder vererben kann? An einen Wildfremden womöglich? Und was wird aus der Familie? Aus Frau, Söhnen, Töchtern, anderen Verwandten? Darf der das? Das soll Recht sein? Sich mit Rechtsgeschichte zu befassen heißt, im scheinbar Selbstverständlichen das Unwahrscheinliche, das Enorme zu erkennen. Wie hat sich das zugetragen und warum? Welche historische Situation hat die Ausdifferenzierung eines bestimmten Rechts erzwungen oder, je nachdem, behindert? Rechtsgeschichte ist eine juristische Disziplin, keine historische – sie stellt solche Fragen, um das Recht in seiner Tiefenschärfe zu erkennen.

Wer Uwe Wesels monumentale Geschichte des Rechts in Europa liest, dem wird es an Fragen dieser Art jedenfalls nicht mangeln. Wesel erzählt die europäische Rechtsgeschichte entlang der überkommenen Epocheneinteilung – Griechen, Römer, Früh- und Hochmittelalter, Frühe Neuzeit et cetera – und stellt nach einem historischen Abriss der jeweiligen Epoche dar, was in den jeweiligen Rechtsgebieten und in den jeweiligen Regionen und Ländern für Recht gegolten hat. Das erinnert an einen Setzkasten: Aus Epochen, Rechtsgebieten und Ländern entsteht eine dreidimensionale Matrix, die Wesel Kästchen für Kästchen mit Fakten auffüllt.

Zunächst gelingt es Wesel teilweise sehr gut, im Geflimmer der Einzelheiten die großen Züge hervortreten zu lassen – beispielsweise bei der Frage, was der Übergang von der Stammesgesellschaft zur staatlichen Herrschaft für die Ausbildung des Strafrechts bedeutet hat. Je mehr sich aber sein Stoff territorial und juristisch ausdifferenziert, desto mehr stößt seine säuberliche Setzkastenmethode an Grenzen: Auf den Absatz zum ungarischen Handelsrecht im 19. Jahrhundert hätte man getrost verzichten können, und hätte dafür lieber über das England zur Zeit der industriellen Revolution mehr erfahren als bloß die Namen der Gesetze, mit denen die GmbH und die Aktiengesellschaft erfunden wurden.

Wesel ist ein Autor, dessen Popularität weit über das sonst für Juraprofessoren erreichbare Maß hinausreicht. Seinen Ruhm verdankt er nur teilweise der Wissenschaft. Er schreibt seit 30 Jahren Bücher, die sich bewusst und gezielt an ein Publikum von Laien richten. Dahinter steckt ein aufklärerisches Programm: Wesel, der Parade-Achtundsechziger unter den Rechtsgelehrten, will dem "kleinen Mann" Zugang zu seinem Recht verschaffen und ihm die Scheu vor den Spezialisten und Ordinarien nehmen, die ihr Herrschaftswissen mit pompösem Sprachnebel verteidigen.

Dem dient sein charakteristischer Sprachstil, der inzwischen zu seinem Markenzeichen geworden ist: Betont einfache Syntax, kokette Wortwahl, keine Scheu vor unvollständigen Sätzen – Wesel tut alles, um sich vom akademischen Weihrauchfassgeschwinge vieler seiner Kollegen abzugrenzen, im Dienste der Zugänglichkeit des Rechts. Doch von einem aufklärerischen Programm ist hier nicht viel erkennbar. Anstatt stringent und präzise die Ergebnisse seines Forschens und Nachdenkens zu entwickeln, schnoddert Wesel dem Leser nicht selten etwas vor. Irritierend wirkt besonders seine Neigung, den Text mit missbilligenden Einstreuungen wie "Ja nun also" oder "Nun ja" zu würzen. Gelegentlich überschreitet Wesel auch entschlossen die Grenze zur Albernheit, etwa wenn er das Fehlen von Menschenrechten im französischen Verfassungsrecht von 1875 mit den Worten quittiert: "Nous avons. Vous avez. Wo’s er nu? Nu’s er weg. So blieb es bis 1940."

Die gekünstelte Anspruchslosigkeit beschränkt sich keineswegs auf den manierierten Stil: So erfährt man bei Wesel beispielsweise, dass in Österreich 1869 die Verfassungsbeschwerde erfunden worden ist. Warum gerade in Österreich, dem Land, das obendrein 1920 als erstes in Europa die verfassungsgerichtliche Normenkontrolle eingeführt hat? Dazu Wesel: "Man fasst sich an den Kopf. Der erste Gerichtshof Europas für Verfassungsbeschwerden. In Österreich. Unter Kaiser Franz Joseph." Man fasst sich an den Kopf, in der Tat.