Auf einem Foto ist eine junge Frau zu sehen. Lässig steuert sie ihren Motorroller, ihr kurzärmeliges Kleid spart die schlanken Arme aus, die ebenfalls nackten Füße stecken in eleganten Schuhen. Nur wird ihr Haar durch ein Tuch verhüllt und das Gesicht durch einen Schleier, der gerade noch die Augen erkennen lässt. Natürlich! – so schließt spontan ein an Islamdebatten gewöhnter Betrachter: ein klarer Fall der eigentlich selbstbewussten, aber durch die patriarchalische Tradition des Islams geknechteten Frau. Und ein typisches Abbild von Ungleichzeitigkeit; steht schließlich nicht schon die emanzipierende Beweglichkeit des Rollers in empörendem Widerspruch zur vormodernen Konvention des verhüllten weiblichen Antlitzes?

Das Bild ist irgendwann in den Jahren 1955 bis 1962 entstanden. Aufgenommen hat es der Soziologe Pierre Bourdieu, der während des algerischen Befreiungskriegs seinen Militärdienst absolvierte und nebenher in eigener, wissenschaftlicher Mission die Volksgruppe der Kabylen erforschte. Dieser eigentlich im Nordosten des Landes beheimatete Berberstamm war von der französischen Kolonialherrschaft in besonderer Weise betroffen. Die erzwungene Umsiedlung in große Städte hatte ihn seiner bäurischen Lebensweise beraubt und ihm eine Existenz nach neuen Regeln diktiert. Traditionell entzogen die Kabylen ihre Frauen dem Blick von Mitgliedern anderer Klans. Da jeder wusste, wann und auf welchen Wegen wer zum Brunnen ging oder auf dem Feld arbeitete, ergaben sich keine überraschenden Begegnungen. In den Städten aber geriet das Hergebrachte aus den Fugen. Verschiedene Klans lebten jetzt in unmittelbarer Nachbarschaft, weshalb die Frauen entweder im Haus blieben oder den Schleier anlegten, der sie vor den Blicken Fremder schützte. Beides aber, die häusliche Existenz und die Verhüllung, war ihnen vor der Umsiedlung fremd gewesen.

Der junge Bourdieu hat solche Erkenntnisse durch akribische Feldforschung und die Auswertung zahlloser Interviews gewonnen. Und allein das Beispiel der verschleierten Motorradfahrerin erteilt uns heute eine Lektion über die Schieflagen des polemischen Kulturkampfes. Zur Kopftuchdebatte trägt es jedenfalls nichts bei. Schließlich geht es hier nicht um den vermeintlich tiefen Graben zwischen zwei Kulturen, nicht um Religion oder das Fortbestehen einer vermeintlich archaischen Kultur in der Gegenwart. Ganz so wie auch der Motorroller ist hier der Schleier selbst ein Resultat der Moderne, hervorgebracht durch die Umsiedlungen im kolonialisierten Algerien.

Auch sonst ging es Bourdieu nicht um den Unterschied zwischen Eigenem und Fremdem, sondern vielmehr um die analysierende Beschreibung gesellschaftlicher Veränderungen unter dem Primat der Ökonomie. Nicht ohne einen Anflug von Sozialromantik hatte der Soziologe im bäuerlichen Algerien eine vorkapitalistische Ordnung ausgemacht, deren Werte in der neuen Zeit der Sinnlosigkeit anheimzufallen drohten. Das Thema war ihm auf den Leib geschneidert. Aus dem Béarn, einer abgeschiedenen Region am Rand der französischen Pyrenäen, stammend, musste sich Bourdieu etappenweise durch die Institutionen des französischen Bildungswesens kämpfen: Dass er es zum Studium nach Paris und dort an die elitäre École Normale Supérieure schaffen würde, war durch die Verhältnisse, aus denen er kam, kaum vorgezeichnet. Noch sein Vater war zunächst Bauer, dann Briefträger und später ein untergeordneter Beamter gewesen.

Die unverkennbare Sympathie, mit der sich Bourdieu den algerischen Kabylen widmete, rührt auch daher, dass er in ihrem Schicksal seine eigene Geschichte wiedererkannte. Mit dem in Nordafrika entwickelten Rüstzeug untersuchte er später die Vererbungstraditionen seines eigenen Dorfs. Zu einer Zeit, in der sich die französischen Intellektuellen durch Claude Lévi-StraussTraurige Tropen in den brasilianischen Regenwald entführen ließen, trat Bourdieu den Heimweg an. Er beschrieb das Exotische im Alltäglichen.