Um 11.13 Uhr piept das Handy zum ersten Mal an diesem Tag. "Sprengsatz auf der Hauptstraße zwischen Pek und Fabrica", lautet die Kurzmitteilung. "Region bitte meiden!" Christiane Althoff schaut kurz auf das Display und zieht die Stirn kraus. Dann drückt sie die Kurznachricht routiniert weg – "das ist nicht in unserer Nähe" – und schwärmt weiter von der "tollen Mathestunde", die sie gestern gesehen hat. Nicht nur sei die afghanische Lehrerin pünktlich und kenntnisreich gewesen, sondern sie habe auch noch eine Lehrmethode aus Althoffs Fortbildung angewandt. "Ich habe richtig gejubelt."

Pädagogik im Schatten des Kriegs. Bis zum Sommer vergangenen Jahres brachte Christiane Althoff, 35 Jahre, im hessischen Hattersheim Gesamtschülern Mathematik, Deutsch und Politik bei. Jetzt sitzt sie im Teacher Training Center (TTC) von Masar-i-Scharif in Nordafghanistan und genießt einen der eher seltenen Moment des Erfolgs. Wenn Althoff aus dem Fenster ihres Büros schaut, sieht sie, wie sich Studentinnen für den Heimweg ihre Burkas überwerfen. Will sie selbst den Campus verlassen, muss sie stets ihren Fahrer rufen. Vor der Bürotür steht stets ein Wächter.

Das TTC, eine Art pädagogische Hochschule, gehört zu den Vorzeigebeispielen deutscher Aufbauhilfe in Afghanistan. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel hat es im vergangenen April eingeweiht. Mehr als 2000 angehende Lehrerinnen und Lehrer lernen hier das Unterrichtsgeschäft, unterstützt mit deutschem Geld und Althoffs Know-how. Mit ihren afghanischen Helfern konzipiert Althoff Didaktikseminare, berät Schulen und leitet Lehrer an, wie sie ihre Mathematik- oder Englischstunden verbessern können.

In Ghana, Peru oder Papua-Neuguinea wäre Althoffs Arbeit Entwicklungshilfe im klassischen Sinn, allenfalls interessant für ein paar Fachleute. Doch hier am Hindukusch bedeutet sie mehr. Denn die Frage, ob die Afghanistanmission gelingt, entscheiden nicht nur die Bundeswehr und ihre Verbündeten. Was der Westen in diesem Land hinterlässt, hängt genauso davon ab, welchen Erfolg die zivilen Aufbauhelfer haben: Agraringenieure oder Brückenbauer, Ärzte oder eben Lehrer wie Christiane Althoff. Und ähnlich wie die deutschen Soldaten, die hier in Masar-i-Scharif ihren zentralen Stützpunkt haben, fragt auch Althoff sich, was sie in diesem bitterarmen Land mit seinen schwer durchschaubaren Strukturen erreichen kann. Bisher hat sie noch keine Antwort gefunden.

Warum das so ist, kann man an der Fatima Balkhi High School beobachten, einer der größten Mädchenschulen der Stadt. Der zweistöckige Bau ist frisch bezogen, die Wände der Flure und Klassenzimmer sind weiß gestrichen. Unter der moscheeartigen Kuppel in der Eingangshalle hängen Koransuren und das Bild von Präsident Hamid Karsai. In Deutschland fänden in so einem Gebäude vielleicht 500 Schüler Platz. Doch hier lernen 4400 Mädchen von der ersten bis zur zwölften Klasse in zwei Schichten. Fünfzig drängen sich in einem Raum. Da der Platz nicht ausreicht, hat die Schulleiterin draußen Zelte aufbauen lassen. Im Sommer staut sich unter dem Leinenstoff die Hitze, im Winter weht eisiger Wind herein. Heizungen gibt es keine, so bleibt die Fatima Balkhi Schule in den Wintermonaten geschlossen.

Immerhin, sagt Direktorin Brishna Rabi, müssten ihre Lehrer im neuen Gebäude nur noch in zwei Schichten unterrichten – statt wie anderswo üblich in drei. Die Schulstunden dauerten deshalb nicht mehr nur 30 Minuten wie früher, sondern 45 Minuten. Am wichtigsten aber sei, dass sich die Einstellung vieler Eltern zur Ausbildung ihrer Töchter geändert habe. Die vielen Kampagnen, die im Radio und Fernsehen für den Schulbesuch von Mädchen werben, zeigten Wirkung.

Allein den Zahlen nach hat Afghanistan auf kaum einem anderen Feld so große Fortschritte gemacht wie bei der Grundbildung. Neun Jahre nach der Vertreibung der Taliban von der Macht hat sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine Schule besuchen, verdreifacht. Siebeneinhalb Millionen sind es heute, mehr als ein Drittel von ihnen Mädchen, denen unter der Herrschaft der Steinzeit-Islamisten offiziell jede Bildung verwehrt wurde. Auch am TTC lasse sich dieser Fortschritt beobachten, sagt Althoff. Mehr als die Hälfte der angehenden Lehrkräfte seien Frauen.