Die Frage: Michael und Angelika sind seit einem Jahr zusammen. Beide haben sich aus früheren Ehen gelöst und leben in einer Patchworkfamilie mit drei schulpflichtigen Kindern, was sie als stressig empfinden. Einmal fahren sie in der U-Bahn zum Elternsprechtag.

Angelika hat einen Apfel dabei, beißt ab und reicht Michael die Frucht. Er isst weiter und gibt den recht dezimierten Apfel wieder zurück. Angelika nagt ein wenig und gibt den mageren Rest wieder Michael. Der findet kaum noch etwas – und gibt ihr den Butzen. "Ich bin doch nicht deine Mutter, dass ich deinen Müll entsorge!", ruft sie. Er darauf, nicht weniger sauer: "Meine Mutter hätte ihn in ein Papiertaschentuch gewickelt und eingesteckt." Eva, den Tränen nahe: "Immer vergleichst du mich mit ihr! Du musst dich von ihr lösen, sonst wird das nichts mit uns!"

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Wolfgang Schmidbauer antwortet: Leider ist es einfacher, den Streit zu durchschauen, als die Gegner zu überzeugen, dass es zwei Verlierer geben wird, wenn sie nicht lernen einzulenken. Verräterisch ist, dass hier sogleich die Mutter erwähnt wird – Angelika ist anscheinend eifersüchtig auf sie. Sie reagiert, indem sie ihren Partner beschuldigt, er sei mehr Söhnchen als Mann.

Die junge Patchworkfamilie ist durch die Kinder überlastet, und Michael und Angelika sind in eine Situation geraten, die ich kannibalische Subtraktion nenne: ein umständlicher und hoffentlich einprägsamer Ausdruck für den Mechanismus, gute Gefühle dadurch zu schwächen, dass man sie wegen ihrer Beimengungen entwertet. Typische Vorwürfe: "Du willst ja nicht mich, sondern meinen Körper!" Oder, eben: "Du suchst keine Frau, sondern eine Mama!"

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE.

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