Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich war im Urlaub, auf einer spanischen Insel, und stand am Hafen. Den Koffer wollte ich in die Gepäckaufbewahrung bringen, in ein Büro gegenüber vom Kai. Es war Sonntagmorgen, bis zum Rückflug blieben ein paar Stunden Zeit. In dem Büro saß ein junger Mann, Ende zwanzig, blond, ein bisschen rundlich. Er hieß Mirko und war verzweifelt. Mirko sagte, im Hotel hätten sie ihm sein Flugticket gestohlen, das Handy, sein Geld. Er komme nicht zurück nach Deutschland, am Montag müsse er arbeiten. Die Frau von der Gepäckaufbewahrung versuchte, ihm zu helfen. Sie rief das deutsche Konsulat an, wo allerdings Sonntagsruhe herrschte. Sein Gepäck durfte Mirko kostenlos unterstellen. Der Koffer war zerdellt, er wurde von einem Gürtel zusammengehalten.

Ich sagte: "Rufen Sie doch einen Freund an, oder Ihre Eltern." Er sagte, er habe keine Freunde, die er um Geld bitten könne. Seine Mutter habe er bereits angerufen, sie wolle ihm nicht helfen. Ich bat ihn um die Telefonnummer. So hartherzige Mütter kann es doch gar nicht geben. Ich schenkte Mirko 20 Euro, für Essen, und sagte: "Später, wenn ich zum Flughafen fahre, kann ich Sie im Taxi mitnehmen, und dann gehen wir zusammen an den Schalter. Das wird schon, irgendwie. Wo müssen Sie denn hinfliegen?" Mirko sagte: "Egal. Irgendwo in Deutschland."

Als ich in der Stadt spazieren ging, erreichte ich die Mutter. Sie klang sympathisch und norddeutsch. "Dem Mirko", sagte sie, "schick ich kein Geld mehr." Das hatte sie nämlich schon einige Male gemacht. Mirko besorge sich gewohnheitsmäßig übers Internet Kreditkarten, mithilfe von Tricks, die ich nicht ganz verstanden habe. Mit diesen Kreditkarten buche er dann Reisen, kurzfristig. Lissabon, Paris, New York, Mirko war fast überall. Nach kurzer Zeit merkten die Hotels und die Fluggesellschaft natürlich, dass die Kreditkarte eine Luftnummer gewesen ist. Er fliegt dann aus dem Hotel raus, sagte die Mutter, der Rückflug ist für ihn gestrichen. Zuerst hat er bei mir das Geld für die Heimreise besorgt, jetzt bequatscht er Touristen. Geben Sie ihm bloß nichts. Er muss lernen, dass es so nicht geht.

Zum ersten Mal war ich einem echten Betrüger begegnet. Ich ging zurück zur Gepäckaufbewahrung, Mirko wartete. Als ich sagte, dass ich ihm nicht helfe, drehte Mirko sich um und ging, grußlos. Auf die Begründung war er nicht neugierig. Mirko ist, in der Statistik, womöglich einer der 700.000 Deutschen, die in diesem Jahr unser Land verlassen haben. Es ist noch recht warm da unten, man kann am Strand schlafen. Im Grunde, fiel mir später auf, war die Geschichte von dem gestohlenen Ticket leicht durchschaubar, meistens braucht man doch gar kein Ticket mehr, Ausweis genügt. Falls das Ticket bezahlt ist. Sowohl die Hotels als auch die Fluggesellschaft verzichten übrigens darauf, sich ihr Geld zurückzuholen. Der Aufwand lohnt sich nicht, Schwarzfliegerei fließt in die Kalkulation ein, ähnlich wie Ladendiebstahl.

Wenn die Mutter nicht ans Telefon gegangen wäre, dann hätte ich Mirko wohl das Geld für den Rückflug gegeben, ich stand kurz davor. Warum erzähle ich das? Ich habe keine Botschaft, ich vertrete keine Weltanschauung und keine politische Linie. Es ist nur so: Diese einfachen moralischen Wahrheiten, die so leicht von der Zunge gehen und die einem, während man sie aufschreibt, ein warmes Gefühl im Bauch verschaffen, stimmen manchmal nicht. Gut ist manchmal schlecht, und umgekehrt, Tugend kann ein Laster sein, und es kann auch richtig sein, einem Menschen in Not nicht zu helfen.