Mit einem Lächeln kommt man hier an. In Festtagsstimmung. Denn dafür ist dieser Ort überhaupt erst geschaffen worden, gleich vor den Toren Bonns, am "grünen Ufer des Rheines", wie Guillaume Apollinaire hier einmal dichtete, lächelnd, festlich gestimmt. Das 1858 eröffnete "Eisenbahnempfangsgebäude" in Rolandseck, vis-à-vis des von Sagen bewohnten Siebengebirges, war von Anfang an ein Ort des Aufbruchs, des Übergangs. Hier endeten die Züge der Cöln-Bonner Eisenbahngesellschaft, hier begann das Plaisier der Sonntagsausflügler. Man wechselte aufs Dampfschiff oder in die bereitstehende Kutsche, um ins "selige Tal des Rheins" (Hölderlin) einzutauchen. Man kam hier seit je mit weit geöffneten Augen an. Könnte ein Ort zur Kunstbetrachtung besser geeignet sein als gerade dieser? Schließlich sollen doch unsere "Wegweiser" stets "in die Weite, in das Tiefe, in das Unendliche zeigen".

Davon jedenfalls träumte Hans Arp, dem dieser Ort seit einigen Jahren gewidmet ist. Rund vierhundert Werke jener funkelnden "Doppel-Helix" der Moderne, von der fragilen Papierarbeit bis zur monumentalen Skulptur, vom flüchtigen Entwurf bis zum Meisterwerk, hat das Land Rheinland-Pfalz seit den neunziger Jahren für das Museum zusammengetragen. Freilich ohne dabei immer so umsichtig zu sein wie bei der Entscheidung, den Bahnhof als Erinnerungsort glamouröser Zeiten zu bewahren und mit einem luftigen Neubau Richard Meiers auf den Rheinhöhen darüber zu erweitern.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Dort jedenfalls, in dem großzügig durchlichteten, zum umgebenden Naturschauspiel, zum mythenreichen Landschaftspanorama stets durchlässigen Ausstellungsgebäude, das mit dem Bahnhof durch einen unterirdischen Tunnel und einen rasant aus dem Berg in die Höhe schnellenden Aufzugsschacht verbunden ist, können sich die Werke Arps grandios entfalten. Vielgliedrig turnen sie hier im Licht, um eine Formulierung des Meisters aufzugreifen, als Momentaufnahmen einer unerhörten, unaufhörlichen, höchst poetischen Verwandlung. Seitdem manch Halbseidenes aus der Sammlung entfernt wurde, kurz nach der von Skandalen begleiteten Eröffnung im Jahr 2007, lässt sich nun staunend ermessen, dass vielleicht an keinem anderen Ort Arps Traumanatomie so gut zur Geltung kommt wie gerade hier, wo sich der Bogen von den Zeiten der Rheinromantik bis zu den 1960er Jahren spannt.

Damals verwandelte der Bonner Galerist Johannes Wasmuth das längst verfallende, zum Abriss bestimmte Gebäude in einen "Kulturbahnhof" und lockte die internationale Künstlerboheme herbei, von Marcel Marceau bis zur Düsseldorfer ZERO-Gruppe, von Ulrich Erben bis zu Stephen McKenna, der die Toiletten mit heute noch erhaltenen Wandmalereien schmückte. Legendäre Happenings, Bahnhofsfeste und Ausstellungen wurden hier von dem umtriebigen Impresario veranstaltet. Es entstand sogar die Idee, ein "Weltmuseum" zu gründen. Ein zweites, ebenfalls mehrere Hundert Werke umfassendes Konvolut der Museumssammlung, allerdings höchst disparat, Treibholz großer Zeiten, steht mit dieser Reanimation des Ortes als Stätte künstlerischen Austauschs in Verbindung. Fotografien von Umbo, Wols oder August Sander gehören ebenso dazu wie Günther Ueckers für den Bahnhof geschaffenes Bett zum Aufwachen, Arbeiten von Klaus Rinke, Dieter Roth oder Hans Richter. Seit Kurzem werden zudem gezielt Werke der Sammlung hinzugefügt, die Hans Arps Formenranken im weitesten Sinne weiterspinnen.

Wichtiger, größer, eindringlicher als all das ist aber das Gesamterlebnis dieses Ortes, von der Ankunft am Bahnhof – heute halten hier wieder stündlich die Nahverkehrszüge auf ihrem Weg durch das Rheintal – über die Passage durch die unterschiedlichsten Ebenen des Museumskomplexes bis zum spektakulären Ausblick auf das Rheintal, der sich hier bietet. Genau diesen Blick, von hier aus auf das Siebengebirge am gegenüberliegenden Ufer des Rheins, hat der weitgereiste Alexander von Humboldt einmal in seine Liste der sieben schönsten Ansichten der Welt aufgenommen. Er hat dabei gewiss gelächelt.

Weitere Informationen: Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen

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