Der neue Obama meldete sich vergangene Woche in Asien zu Wort. Vor dem Gipfel der 20 führenden Wirtschaftsnationen in Südkorea hatten die Wähler seiner Partei gerade eine krachende Niederlage beschert. Da tönte der Präsident mitten auf dem G-20-Gipfel, es sei ihm eine Ehre, rund um den Globus mit harten Bandagen für amerikanische Jobs zu kämpfen. Und in ungewohnt scharfem Ton tadelte er seine Parteilinke, die daheim gerade den Aufstand gegen Sparempfehlungen einer überparteilichen Schuldenkommission probte. Obama nutzte die Gelegenheit, seinem Wahlvolk mitzuteilen: Ich habe verstanden, es geht um Jobs, Jobs, Jobs.

Am Tag nach dem Wahldebakel war diese Einsicht noch nicht so offenkundig. Obama reagierte auf den Sieg der Republikaner bei den Kongresswahlen rechthaberisch. Erst am Ende der Pressekonferenz übte er etwas Selbstkritik. David Axelrod, Obamas engster politischer Berater, griff kurz danach in die Debatte ein. Sehr wohl höre der Präsident die Botschaft des Volkes, verkündete er auf allen Kanälen, "wir müssen die Welt so nehmen, wie wir sie vorfinden". David Plouffe, Obamas genialer Wahlkampfmanager von 2008, assistierte: "Obama hat einen Preis dafür gezahlt, dass er sich so eng an den Kongress gebunden hat." Soll heißen: Ab sofort muss sich Obama von seiner Partei und dem politischen Gezerre befreien, sonst ist seine Wiederwahl 2012 aufs Äußerste gefährdet.

David Axelrod und David Plouffe – sie haben den Aufstieg Obamas geplant und orchestriert. Der 43-jährige Plouffe, pragmatisch und jungenhaft, war das mathematisch-strategische Gehirn der Kampagne. Der zwölf Jahre ältere Axelrod, ein kreativer Idealist, hatte das Gespür für diese historische Chance der Kandidatur eines Schwarzen. "Change" und "Yes we can" – das stammt von ihm. Axelrod wird der Obama-Macher genannt.

Das Erfolgsgespann hat seine Werkstatt wieder geöffnet. Anfang des Jahres wird Axelrod, der bisher im Weißen Haus arbeitete, in Chicago das Hauptquartier für den Wahlkampf 2012 eröffnen. An seiner statt wird Plouffe ganz nah an das Oval Office rücken. Der Auftrag für David & David: Obamas Wiederwahl.

Fast nichts ist mehr wie noch vor zwei, drei Jahren. Der Präsident wird 2012 nicht mehr dieselben Begeisterungsstürme entfachen wie der Kandidat 2008. Obama 2012 taugt nicht mehr als Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Wünsche. Zudem haben die Kongresswahlen vor zwei Wochen Amerikas politische Landkarte radikal verändert.

Besonders schmerzlich für die Demokraten: Der gesamte Mittlere Westen samt seinen Not leidenden Industrieregionen ist zu den Republikanern übergelaufen, selbst der Auto- und Gewerkschaftsstaat Michigan sowie Obamas Wahlheimat Illinois. Das kann sich bei den Präsidentschaftswahlen wieder ändern, trotzdem wird 2011 der Job für David & David ungleich komplizierter. 2008 waren sie Pioniere und bereiteten den Boden für Obamas Sieg. Nichts schien unmöglich. Jetzt sind die Grenzen wieder enger geworden, es geht nun nicht mehr um den Gewinn neuer Wählergruppen und Territorien, sondern um die Rückeroberung alter. "Vergiss Virginia oder North Carolina", sagt ein Mitarbeiter Plouffes, "der Schlüssel zum Sieg liegt in Ohio, in Pennsylvania, in Wisconsin und Michigan – und in der Gruppe der eher konservativen Wechselwähler."

Doch mit welcher Strategie könnte man erfolgreich sein? Schon Wochen vor der absehbaren Niederlage luden Axelrod und Plouffe namhafte Demokraten zur Manöverkritik ins Weiße Haus. Die Stimmung war schlecht, es wurde gebrüllt, einige gingen aus Verärgerung vorzeitig. Dem Obama-Team wurde vorgeworfen, sich mit der unpopulären Gesundheitsreform heillos verzettelt und die wahren Nöte der Amerikaner aus dem Blick verloren zu haben. Besonders schmerzte die beißende Kritik des scheidenden demokratischen Gouverneurs von Tennessee, eines hemdsärmeligen, volksnahen Südstaatlers. "Da scheint es keinen im Weißen Haus zu geben, der begreift, was es heißt, nachts mit der Angst wach zu liegen, dass einem das Leben entgleitet", sagte Phil Bredesen. "Die sind alle intelligent, und sie kennen ihre Zahlen. Aber sie fühlen nichts." Fast flehentlich bat Ed Rendell, Gouverneur von Pennsylvania, der sein Amt an einen Republikaner abtreten muss, nach der verlorenen Wahl: "Geht endlich auf die politische Mitte zu, streckt eure Hand aus, und versucht, euch mit den Republikanern zu einigen, wo dies möglich scheint."