Die einfachsten Erklärungen faszinieren am wenigsten. Sie bekommen deshalb meist auch wenig Aufmerksamkeit. So versuchen immer noch viele Menschen, den Erfolg Silvio Berlusconis und seine trotz aller Skandale immer noch große Macht mit seinem medialen Charisma zu erklären, mit seiner Fähigkeit, sich mit der anarchisch-konservativen Mehrheit der Italia profonda zu verständigen und die Interessen einer bestimmten Unternehmerschicht zu vertreten.

Niemand aber denkt über die einfachste Antwort nach, auch wenn sie empirisch leicht zu belegen ist: Die Kraft Berlusconis, seine ganze Kraft, erklärt sich allein aus der Schwäche der Linken und den Fehlern ihrer Führer. Banal? Es möge die Wahrheit sprechen.

Berlusconi hat dreimal Wahlen gewonnen, aber er ist zweimal besiegt worden. Er hätte auch bei seinem allerersten Wahlsieg geschlagen werden können. Wir befinden uns im Jahr 1994. Zwei Jahre zuvor fegte der Korruptionsskandal Mani Pulite die gesamte Regierungsklasse hinweg (die Democrazia Cristiana und die Sozialisten). Auch gegen die damals noch mächtige Kommunistische Partei (PC) wird wegen Korruption ermittelt. Doch auch wenn die Ermittler an den Rändern der Partei fündig werden, die nationale Führungsschicht der PC behält eine reine Weste.

Die PC ist also die einzige Partei, die den gewaltigen Skandal einigermaßen unbeschadet übersteht. Berlusconi gründet Forza Italia, um die Wähler für sich zu gewinnen, die ohne christdemokratische und sozialistische Partei zu politischen Waisen geworden sind. Er eröffnet auch einen Dialog mit den Exfaschisten von der Alleanza Nazionale.

Im Vorfeld der Wahlen von 1994 liegen die linken Parteien bei allen Umfragen vorn. Es hätte gereicht, einen Kandidaten für das Ministerpräsidentenamt aufzustellen, der aus der Zivilgesellschaft kommt und nicht aus den Parteien, die angesichts des Korruptionsskandals in der Bevölkerung äußerst unpopulär waren. Aber der Sekretär der PdS (das ist die Nachfolgepartei der Kommunisten), Achille Occhetto, entschließt sich mit narzisstischem Schwung (und Dummheit), selbst zu kandidieren. Er bezeichnet seine eigene Partei als eine "freudige Kriegsmaschine". Aber freuen wird sich ein anderer: Berlusconi. Occhetto war schließlich der letzte Sekretär der Kommunistischen Partei gewesen. Ein Wahlkampf ganz im Zeichen des Antikommunismus, der in Italien traditionell mehrheitsfähig ist, und des "Unternehmers" Berlusconi, der gegen die Berufspolitiker ins Feld zieht, bringt den Erfolg. Berlusconi wird zum ersten Mal Premierminister.

Acht Monate später stürzt seine Regierung über den Koalitionspartner, die Lega Nord. Nach einer kurzen Übergangsphase, in der eine Regierung aus Technokraten die Geschäfte führt, wird 1996 erneut gewählt. Dieses Mal reicht es der Linken, einen Professor als Kandidaten aufzustellen, einen fortschrittlichen, katholischen Wirtschaftsexperten namens Romano Prodi, um die Wahlen zu gewinnen. Das ist der erste empirische Beweis für die Tatsache, die jeder klarsichtige Analytiker hätte voraussehen können: Die "Antipolitik" wird noch für lange Zeit der strategische Punkt sein, von dem aus man Wahlen gewinnen wird. Wobei es sich dabei nicht um eine Antipolitik im traditionellen Sinne handelt, sondern im Gegenteil um eine immer radikalere (und durchaus gerechtfertigte) Ablehnung einer Degeneration der Demokratie, die sich in der Übermacht korrupter Parteiapparate ausdrückt. Anfang des neuen Jahrtausends wird in Italien ein Buch zum Bestseller, das diesen Umstand auf den Punkt bringt. Der Titel des Buches der beiden Journalisten Sergio Rizzo und Gian Antonio Stella bezeichnet das Problem exakt: La Casta. Wer sich als jemand präsentieren kann, der von außerhalb dieser Kaste kommt, wird gewinnen.

Nach dem Sieg Prodis 1996 glauben sämtliche Zeitungen, Berlusconi sei erledigt. Man nennt schon die Namen seiner Nachfolger. Als Unternehmer steht er, von Schulden erdrückt, kurz vor dem Bankrott. Es scheint nur mehr eine Frage der Zeit zu sein, wann sein Medienimperium zusammenbricht. Zur selben Zeit ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn gleich in mehreren Verfahren. Jeden Tag erwartet man einen Haftbefehl gegen Berlusconi.