In der DDR gab es die SED, gegen die man anmalen konnte. Heute, sagt Michael Triegel, sei es dagegen so, dass man als Künstler machen könne, was man wolle, und alle fänden es toll. Ob man ein Stück Stoff bekrakelt, ein Blatt Papier zusammenknüllt oder nasebohrend in eine Kamera brüllt – das Publikum applaudiert. Frenetisch, glücklich, ahnungslos. Der Mythos von der Freiheit der Kunst wird angebetet, ihre Werke aber werden nicht mehr angeschaut. Dabei sei der Künstler überhaupt nicht frei. Weder von den Mechanismen des Marktes noch von der Langeweile des Liberalismus. Die letzte große Provokation sei es, ein Auftragswerk zu malen nach Manier der Alten Meister.

So viel Rechtfertigung lässt vermuten, Michael Triegel habe Osama bin Laden porträtiert. Doch das Bild, um das es geht und das noch an der Wand seines Leipziger Studios lehnt, zeigt Papst Benedikt XVI – "der Heilige Vater" nennt ihn Triegel, konfessionslos. Merkwürdig klingen diese Worte in der Baumwollspinnerei, in deren Ateliers seit einigen Jahren das ganz große Geld für die ganz hippe Kunst gezahlt wird; wo der Gott des Kunstmarkts waltet, hofiert von tüchtigen Galeristen. Doch jetzt haben sich mit dem Papst und dessen Porträtisten die zwei Richtigen gefunden, vereint in ihrem Misstrauen gegen den Modernismus und den Götzen Gegenwart.

Gelernt hat Triegel, 41, die Technik der Renaissancemeister bei Arno Rink an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Rink wiederum studierte bei Werner Tübke , der politisch in der DDR, aber stilistisch im späten 16. Jahrhundert lebte. Tübke provozierte mit den Renaissancefiguren auf seinen Geschichts-Tableaus regelmäßig die Parteiführung. Deshalb spricht Triegel von der Gnade der frühen Geburt, die Tübkes Generation zuteil geworden sei. Im totalitären System habe ein Künstler noch provozieren können. Ihm selbst aber bleibe, wie dem Papst, nur der einsame Protest gegen das Mantra der Innovation.

In der Tat: Bei Benedikt und Triegel trifft sich das Altväterliche mit dem Altmeisterlichen. Beide fühlen sich unwohl in der Gegenwart und sehnen sich ins selige Damals zurück, als das Wort des Vaters und die Zentralperspektive noch heilig waren. Bei Triegel darf Benedikt standesgemäß thronen. Es ist die klassische Papst-Haltung, Raffael hat sie mit seinem Porträt von Papst Julius II. geprägt. Ein müder Mann mit weißem Bart sitzt dort nach vorne gebeugt in seinem Sessel, in der Rechten das fazzoletto – ein allegorischer Hinweis auf das Schweißtuch der Veronika, mit dem diese das Gesicht des Heilands auf dem Weg nach Golgatha trocknete. Sein Blick ist leer und geradeaus gerichtet. Troppo vero , nur zu wahr, soll Julius gesagt haben, als er das Bild in Empfang nahm, nicht eben begeistert von seiner Darstellung.

Triegels Benedikt dagegen ist hellwach. Zwar hängt sein Körper ein wenig geknickt in der rechten Ecke des Throns, aber sein Blick, skeptisch und bohrend, geht über den Zettel in seiner Linken geradewegs auf den Betrachter. Für gewöhnlich, in der Realität, ruht Benedikt in weißem Habit auf einem ebenfalls weißen, mit Gold durchwirkten Sessel, als wollte er zeigen, wie sehr er mit dem Stuhl Petri verschmolzen sei. Künstlerisch macht sich das aber nicht so gut, weshalb Triegel einen roten Bezug mit Granatapfelmuster wählte, vor dem sich der alabasterne Körper deutlich abhebt. Ganz in Weiß wird da ein etwas durchtriebenes, mit Mitte achtzig schon faltiges Engelchen porträtiert.

Geht man ganz nah an das Bild heran, sieht man neben den Altersflecken auf der weichen, fast transparenten Haut, dass der Mund leicht geöffnet ist. Eine Papst-Lefze im rechten Mundwinkel. Sie könnte ein Lächeln andeuten. Oder auch den harten Spott des alten Mannes, der uns mitteilen will, wie unfähig wir sind, die wahre Lehre des Christentums zu begreifen. Der Papst hat ein Porträt bekommen, das – nur zu wahr – zwischen intellektuellem Despoten, ängstlichem Greis und entrücktem Weisen schwankt. Technisch ist das so brillant gemacht, dass Benedikt es fast gar nicht verdient. Denn wie von allem Heutigen hält er auch von der Kunst eher wenig.