Ja, meint Mirko Borsche

Bei uns in der Schule, einem Gymnasium in Haar bei München Anfang der Achtziger, galt politisches Engagement als ziemlich uncool. Nur Ökos und Streber gingen zu Demos. Ich wollte meistens lieber Fußball spielen. Heute bin ich anderer Meinung: Heute finde ich es wichtig, am demokratischen System teilzunehmen. Dazu gehört es auch, dass man auf die Straße geht, wenn einem eine politische Entscheidung nicht passt. Andernfalls würden wir über viele gesellschaftliche Probleme gar nicht sprechen – und das sollte in einer Demokratie auf keinen Fall passieren. Über Stuttgart21 würde niemand reden, wenn die Menschen zu Hause geblieben wären.

Meine Kinder sollen nicht so gleichgültig werden, wie wir es damals waren. Deshalb habe ich neulich meinen elfjährigen Sohn in München auf eine Demonstration gegen die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken mitgenommen. Natürlich habe ich ihn nicht gezwungen. Ich habe ihm das Anliegen der Demonstranten genau erklärt und ihn gefragt, ob er mich begleiten will. Er wollte. Er hat verstanden, dass es keine gute Idee ist, AKWs zu betreiben. Sie hinterlassen Nuklearabfälle, von denen niemand weiß, wie gefährlich sie uns mal werden können. Ich bin überzeugt, dass Kinder ein Gerechtigkeitsempfinden haben und somit einen Sinn für Politik und darin möchte ich meine Söhne bestärken. Mein Jüngster ist erst zweieinhalb Jahre alt und natürlich viel zu klein, um zu verstehen, was ein AKW ist. Er blieb zu Hause bei seiner Mutter, während wir losmarschiert sind.

Es gibt politische Aktionen, die zu gefährlich sind für Kinder. Ich würde nicht zulassen, dass mein Sohn sich auf Gleise setzt, um den Castor-Transport zu blockieren, oder sich mit Neonazis anlegt. Er muss sich sicher fühlen. In München verlief die Anti-AKW-Demo friedlich.

Das Argument vieler Eltern, die ihren Nachwuchs auf keinen Fall zu Demos mitnehmen wollen, lautet ja immer: Ich will meinem Kind nicht meine Meinung aufzwängen. Dabei ist es doch völlig normal, dass Eltern Entscheidungen für ihre Kinder treffen. Wenn ich meinem Sohn ein Spielzeug schenke, treffe ich für ihn die Entscheidung, ob er mit Playmobil-Männchen oder einer Holzfigur spielt. Meiner Meinung nach nennt man das Erziehung.