In der vorigen Woche lagen Höhen und Tiefen im Leben des Leipziger Oberbürgermeisters Burkhard Jung (SPD) wirklich eng beieinander. Am Dienstag saß er im Flugzeug nach New York, um in der Hauptstadt der Welt eine Laudatio auf den großen Kapellmeister Kurt Masur zu halten. Am Tag zuvor noch hatte er sich in den Abgründen der Lokalpolitik befunden: Da entzog Jung dem Kulturdezernenten Michael Faber (parteilos) die Kompetenzen für Gewandhaus, Oper, Centraltheater, Theater der Jungen Welt und für die Musikschule Johann Sebastian Bach. Jung machte aus seinem Mann für die Kultur einen Mann für den Zoo (diese Zuständigkeit blieb ihm). Nach dem Motto: Der kann es nicht.

Die Affäre Faber hält die Stadt seit Monaten in Atem. Bereits der Amtsantritt des Bürgermeisters im April 2009 war von heftigen Protesten der Kulturschaffenden begleitet. In den vergangenen Monaten meldete sich der Schöngeist Faber – ein gebürtiger Leipziger und ehemaliger Verleger – mehrfach mit umstrittenen Äußerungen zu Wort, von denen er sich hernach distanzieren musste. Öffentlich lieferte er sich eine ziemlich lächerliche Fehde mit Sebastian Hartmann, dem neuen Intendanten des Centraltheaters und damit einem seiner wichtigsten Mitarbeiter. Er sprach dem Haus "eine Zukunftsfähigkeit" ab.

Zuletzt kritisierte Faber die Entscheidung Burkhard Jungs, mit einem von der Stadt in Auftrag gegebenen Gutachten zum neuen Sächsischen Kulturraumgesetz an die Presse zu gehen – und schlug sich damit auf die Seite der Landesregierung. Diese plant eine Kürzung der Landesmittel für die Leipziger Kultur um 2,5 Millionen Euro. Die Einschnitte wären ein brachialer Eingriff in die hiesige Architektur der Kulturinstitutionen.

Nun ist erst einmal Burkhard Jung für die genannten Einrichtungen selbst verantwortlich. Äußerlich betrachtet, sieht es so aus, als ginge alles weiter wie bisher. Die eigentliche Frage jedoch lautet, und man könnte Michael Faber hierbei als eine Art Bauernopfer bezeichnen, die eigentliche Frage ist: Wie viel Kultur braucht Leipzig? Wie viel Kunst kann sich die Stadt, die alles andere als reich ist, eigentlich leisten?

107 Millionen Euro, neun Prozent der städtischen Ausgaben, fließen 2010 in den Kulturetat. 29 Millionen davon kommen vom Freistaat. Ein deutscher Spitzenwert. Frankfurt am Main gibt ähnlich viel für Kultur aus wie Leipzig; dort sind die Steuereinnahmen zehnmal so hoch. Anders gesagt: Ohne Kultur hätte Leipzig nicht viel.

Wenn Burkhard Jung mal in der weiten Welt unterwegs ist, dann wird er, egal, ob in Amerika oder Asien, auf die Leipziger Kultur angesprochen. Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy, Clara und Robert Schumann, Kurt Masur, Werner Tübke, Neo Rauch. Der Thomanerchor, das Gewandhausorchester, die Neue Leipziger Schule. In den letzten Jahrhunderten hat sich in der Pleiße-Stadt einiges angesammelt, was nun seinen Platz, sein Recht und sein Geld fordert.

Es mit Hamburg oder München aufnehmen zu wollen ist vermessen

"Dass Leipzig einen Mann wie Masur in New York ehren darf, zeigt die unglaublich hohe Bedeutung, die die Kultur für die Stadt hat", sagt Jung. Das sei ihm im Flugzeug nach New York noch einmal bewusst geworden. Deshalb habe er nicht länger zusehen können, wie sein Kulturbürgermeister immer mehr den Rückhalt verloren habe. 

Dabei geht Burkhard Jung angeschlagen aus diesem Kampf. Denn Fabers Wahl hatte er selbst herbeigeführt – durch einen Kuhhandel: Die Linken-Fraktion trug den SPD-Mann Andreas Müller als Ersten Bürgermeister und Beigeordneten für Verwaltung mit, und als Dank überließ Jung ihr das Vorschlagsrecht für den Kulturdezernenten-Posten. Wohl wissend, dass die Linken in den eigenen Reihen kaum einen erfahrenen und gleichwohl unbelasteten Kandidaten finden würden: für ein Amt, wie es in Leipzig wohl kaum ein schwierigeres geben dürfte.