Das Auffälligste an Ralf Stegner, seit er keine Fliege mehr trägt, sind seine Mundwinkel. An guten Tagen beschreiben sie einen sanft nach unten geschwungenen Halbkreis, an diesem Vormittag hat sich der Halbkreis zu einer scharfkantigen Sichel verzogen. Und weil nicht nur die Mundwinkel nach unten, sondern seine Augenbrauen gleichzeitig nach oben ziehen, sieht es für einen Moment so aus, als verliere da jemand die Kontrolle über seine Gesichtszüge.

Aber wahrscheinlich stimmt das nicht. Wahrscheinlich hat sich Ralf Stegner auch diesen Gesichtsausdruck gut überlegt. Es gibt nicht viele Politiker, die ihr Auftreten so genau kalkulieren wie der Sozialdemokrat aus Schleswig-Holstein, der seine Doktorarbeit über "Theatralische Politik made in USA" geschrieben hat. "Es hilft nicht, allein freundlich zu sein", sagt Stegner nun. Der Satz passt zu seinen Mundwinkeln, und er ist zugleich ein feiner, gezielter Stich gegen den Mann, der auf dem Podium in Pinneberg nur eine Armlänge entfernt sitzt und der sich anschickt, ihm, Stegner, den Lohn von 20 Jahren politischer Arbeit zu entreißen.

Gerade hat Torsten Albig berichtet, wie wichtig ihm seine beiden Kinder sind und dass er seine Glatze seit einiger Zeit "selbst poliert". Obwohl er erst seit 17 Monaten Oberbürgermeister von Kiel ist, will er bald Ministerpräsident von Schleswig-Holstein werden. Auf dieses Amt hat auch Stegner hingearbeitet, seit er 1990 Sprecher im Kieler Arbeitsministerium wurde. Und weil beide, Stegner und Albig, Sozialdemokraten sind, erlebt die SPD im Norden derzeit eine Premiere: Zum ersten Mal ermittelt die Partei ihren Spitzenkandidaten per Mitgliederentscheid.

Dabei geht es nicht allein um die Frage, wer die SPD in die nächste Wahl, die spätestens 2012 stattfinden muss, führen wird. Das Duell, das Torsten Albig und SPD-Landeschef Ralf Stegner bis Ende Januar in insgesamt 16 Mitgliederversammlungen austragen, gibt Aufschluss über den Gemütszustand einer Partei, die mit sich ringt, welchen Weg sie einschlagen soll, um zurück zum Erfolg zu finden.

Soll sie auf Albig setzen, der bis vor Kurzem noch in Berlin Sprecher von Peer Steinbrück war und seitdem im Verdacht steht, die Rente mit 67 gutzuheißen – der aber immerhin in Kiel schon einmal bewiesen hat, dass er eine Wahl gewinnen kann? Oder soll sie Stegner folgen, der zwar verlässlich ist in seinen Positionen, aber außerhalb der SPD bislang vor allem als politischer Haudrauf aufgefallen ist? Soll sie, kurz gesagt, etwas Neues wagen – oder riskieren, mit dem Bewährten zu scheitern?

Er sei ein "Sozialdemokrat, der nicht Kandidat der Medien sein will", sagt Ralf Stegner, während sich die Kameras auf Torsten Albig richten. Im Pinneberger Rathaussaal sitzen sie zusammen mit zwei weiteren Bewerbern auf schwarzen Barhockern hinter einem rot eingeschlagenen Tresen. Die Elmshorner Bürgermeisterin Brigitte Fronzek und der Kieler Gewerkschafter Mathias Stein sind weithin unbekannte Zählkandidaten, die das schöne Bild von der innerparteilichen Demokratie abrunden, das alle Redner eindringlich beschwören. Tatsächlich sind mehr als 400 Zuhörer zu dieser ersten Mitgliederversammlung gekommen; nicht viel weniger werden es ein paar Tage später im ostholsteinischen Lensahn sein. So viel Interesse hat die SPD in Schleswig-Holstein schon lange nicht mehr geweckt.

Ralf Stegner weiß, dass seine Kandidatur auch in der eigenen Partei umstritten ist. Vier Jahre lang, von 2005 bis 2009, war die SPD in Schleswig-Holstein Juniorpartner in einer Großen Koalition. Vier Jahre lang hat der SPD-Chef so heftig auf den Partner CDU eingeschlagen, dass am Ende die Koalition zerbrach und die SPD anschließend auf 25 Prozent abstürzte – ein historisches Tief. Und ein Debakel für den damaligen Spitzenkandidaten Stegner.