Seine Heimatstadt war seine Welt. Er verließ sie nur, um am Meer der Sommerhitze zu entfliehen, zweimal reiste er ins Ausland. Die ersten zwölf Jahre lebte der Nachkömmling von sieben Kindern eines kleinen Angestellten in einem mittelalterlichen Viertel, der Keimzelle der großen, ehrwürdigen Stadt. Den strengen Vater mochte er nicht, hing aber umso mehr an der kontaktfreudigen Mutter, die ihn wie ein Einzelkind erzog. Kultur spielte in der Familie keine Rolle, die Eltern besaßen ein einziges Buch und besuchten allenfalls mal ein Museum. Sein Hunger nach anderen Erfahrungen trieb ihn ins Kino. Später diente er dem Kino als Filmbeauftragter der Regierung; für über sechzig Filme war er Ideengeber oder Drehbuchschreiber. Zum Kummer seiner Eltern lehnte er Studienfächer ab, die wie Medizin oder Jura sozialen Aufstieg versprachen. Stattdessen belegte er Philosophie und wurde Verwaltungsbeamter. Nebenbei verschrieb er sich einer Kunstform, die in seiner Kultur weder Tradition noch Geltung besaß. "Ich habe auf einem fast leeren Feld gewirkt, ich musste eigene Entdeckungen machen und selbst den Weg finden." Die Zeit für diese Leidenschaft zwang er einem streng geregelten Tagesablauf ab – kein Wunder, dass er seine Pensionierung als Befreiung feierte.

In seinen ersten Versuchen beschwor er die ehrwürdige und glanzvolle Vergangenheit seines Landes, in ihr sah er die Wurzeln einer neuen nationalen Identität. Dann verließ er das Reich der tröstlichen historischen Fantasie und erkundete eine Großstadt im Umbruch. Er malte pessimistische Bilder des Zerfalls der "alten Welt", warf wehmütige, romantisierende Blicke auf den Mikrokosmos einer Nachbarschaft und sezierte das neue Bürgertum, in dem der traditionelle soziale Zusammenhalt der Familie zerbrach und die Moral dem Ehrgeiz des Einzelnen geopfert wurde. Seine Sozialkritik zehrte von der Erwartung einer säkularen, demokratischen Gesellschaft. Ein Revolutionär war er nicht, er "schritt auf der dünnen Linie zwischen aufrichtigem politischem Engagement und auffallender politischer Enthaltsamkeit", urteilte ein Weggefährte. Die politische Entwicklung enttäuschte ihn: "Aber trotz Alter und Rheumatismus, Angina, Prostataproblemen und mystischen Tendenzen gingen wir, auf unseren Stock gestützt, zum Wahllokal in der Schule, um den neuen Präsidenten zu wählen, an den wir unsere Hoffnungen ebenso knüpften wie an die Sicherheit und das Leben."

Als Erster aus seinem Kulturkreis wurde ihm eine hohe Auszeichnung zuerkannt. Die Ehrung überraschte ihn und trug ihm Feindschaften ein. Nationalisten witterten in ihm einen Verräter, religiöse Fanatiker warfen ihm vor, er habe den Glauben verunglimpft. Nach einem Attentat, bei dem er schwer verletzt wurde, lebte er unter Polizeischutz weiter in dem engen Kreis, der ihm schon immer wichtig gewesen war: die Freunde, das Café, die Straße und all die Orte für eine kleine Plauderei. Wer war’s?

Lösung aus Nr. 46
Oliver Kahn (*15. Juni 1969 in Karlsruhe) war nach seinen Berufsanfängen beim KSC seit 1994 Torwart bei Bayern München, 1995 bis 2006 hütete er das Tor der Nationalmannschaft. Mit dem FCB wurde "der Titan" achtmal Deutscher Meister und Champions-League-Gewinner 2001, bei der WM 2002 wurde er als bester Spieler und bester Torwart ausgezeichnet und sicherte seinem Team den Weg ins Finale. Aus Anlass seines Abschieds aus dem Profisport 2008 gab es ein Spiel zwischen dem FCB und der Nationalmannschaft, sein Buch "Ich. Erfolg kommt von innen" erschien, und er wurde Fußballexperte des ZDF, ihm zur Seite steht Katrin Müller-Hohenstein