Man muss sich Nis-Momme Stockmann als zornigen jungen Mann vorstellen. Zornige junge Männer dürfen und wollen die Welt zum Beben bringen. Deshalb hauen diese Burschen dem Publikum gerne mal ein Manifest vor den Latz.

Bei Stockmann, der nächstes Jahr dreißig wird, war es im Mai so weit. Da legte der ungeduldige Dramatiker bei den Mülheimer Theatertagen eine Polemik vor, die sich wie eine einzige Abrechnung mit dem Theaterbetrieb las. Genauer: mit den Kritikern, die sich seiner Meinung nach "ins Zynische und Kalte" flüchteten und denen vor allem die "Liebe" fehle, "die es braucht, um sich mit dem Schönen in Dingen und Phänomenen zu verknüpfen". Aber nicht nur an Liebe mangele es den Zynikern, sondern auch an der Neugier und Lust, die Schönheit von Stücken zu entdecken, die sich den marktgängigen Kriterien von gut und schlecht entzögen. Gefühlstaube Bewertungszombies seien sie, die Damen und Herren aus den Feuilletons – und dass der blindwütige Stockmann in seinem Schreibfuror einen ungenießbaren Stil- und Metaphernsalat anrichtete, verwunderte weniger als der Umstand, dass ausgerechnet er die Kritiker mit Schimpf und Schande überzog. Ausgerechnet er, Stockmann, der Nachwuchsdramatiker des Jahres, der von der Liebe des Feuilletons seit Monaten schier erdrückt wird! Dass sein Talent in der Öffentlichkeit verkannt wird, lässt sich jedenfalls nicht behaupten.

Nur Talent? Oder doch Genie? Stockmann beschränkte sich in seinem Mülheim-Manifest ja nicht nur auf die Kritikerschmähung. Nein, mit großer Geste versuchte er sich auch an einer "Dramaturgie der Zukunft". Gegen "die dumme Kultur des Verstehens, Verortens und Nutzbarmachens" setzte er die Vision eines Theaters, in dem der "Gedanke in keine verständliche Dramaturgie" gezwängt wird, sondern sich "entfesselt, diskursiv kreisend, uneindeutig" bewegen kann. Wie bei Kafka und Lynch, schrieb Stockmann euphorisch, wie bei Pollesch, fügen wir jetzt nüchtern hinzu – und wie dieser Theateranarchist forderte auch der radikale Theaterromantiker, der Stockmann im Grunde ist, seine Zuschauer auf, mal etwas "nicht zu begreifen, ratlos zu sein: Traut euch, das Heiligste, euch selbst, umzustoßen!"

Die Ausgangslage: Drei Männer, einer davon tot, in einem Raum

Was passieren kann, wenn man dieses heilige Ich umstößt und im Nichts versenkt, lässt sich jetzt, ein halbes Jahr später, in Frankfurt studieren. Dort ist Stockmanns neues Stück, mittlerweile sein fünftes, unter der unauffälligen Regie von Martin Kloepfer uraufgeführt worden – dort, in den Kammerspielen des Schauspielhauses, treffen sich titel- und typengemäß Die Ängstlichen und die Brutalen, um sich von einem letal ausgehebelten Ich aufs Gründlichste erschüttern zu lassen, zunächst praktisch, dann philosophisch. Zwei Brüder besuchen ihren Vater und finden ihn tot auf dem Sessel sitzend, stinkend und mit eingekotetem Hintern. Was tun? Jeder vernünftige Mensch würde die zuständigen Experten um Hilfe bitten, Eirik und Berg aber, so heißen die Söhne, rufen aus Scham weder Arzt noch Polizei, noch Bestatter an. In Würde sterben sehe anders aus als das, was Papa da hinterlassen habe, sagen die grauen Anzugträger und versuchen zögernd, den Vater mit Putzmittel und Wischtüchern zu reinigen. Weil aber das Geschäft des sauberen Sterbens doch nicht jedermanns Sache ist, stolpern und stürzen die beiden in Hassliebe einander verbundenen Gesellen schon bald in eine immer größere Rat- und Hilflosigkeit.

Mehr passiert nicht in diesem – inklusive Leiche – Dreipersonenstück, das mit seinen lebenspraktischen Verhedderungen die Aufmerksamkeit zunächst fesselt. Wieder erkennt man das enorme Talent von Stockmann, mit subtil stilisierter Alltagssprache und fein austarierten Dialogen seine Jungmänner so genau zu zeichnen, wie es wahrhaftiger und flackernder kaum geht. Mit grimmigem Witz, in Frankfurt auch mit handfestem Slapstick schlendert der Dramatiker auf dem Reza-Boulevard entlang und spielt unentwegt mit dem Gedanken, auch noch federnd in die Beckett Road einzubiegen. Just dafür, für dieses kühn kokette Gedankenspiel, drückt ihn das Feuilleton ja so fest ans Herz. Das Problem ist nur, dass Stockmann in den Ängstlichen und Brutalen mit dem lockeren Spiel auch Ernst macht, auf halber Dramenstrecke tatsächlich an Beckett vorbeizieht und sich tief im existenziellen Niemandsland verirrt. Dort enden dann die komischen Spiele mit dem Tod, dort beginnen stattdessen die stumpfen philosophischen Gespräche über den Tod – Gespräche und Gedanken, die der Autor offensichtlich in keine "verständliche Dramaturgie" mehr zwängen wollte: "Diskursiv kreisen" sie endlos um das Großthema Angst, bis einem schummrig im Kopf wird.

In Frankfurt erprobt der junge Sinnsucher Stockmann schon mal seine Dramaturgie der Zukunft. Auch wenn er’s nicht wahrhaben will: Diese Dramaturgie lässt sich bewerten. Sie ist Murks.