Ich verspüre physischen Genuss, wenn ich Tolstoj lese. Sein Wort ist weiter als jede philosophische Doktrin und bedeutender als der Autor selbst, den es auf erbarmungslose Weise ausnutzt. Möglicherweise gab es in der gesamten Literatur keinen solch ideenlosen Schriftsteller, der sein künstlerisches Wort freiließ, wie man das erigierte männliche Glied freilässt, das in seiner Kraft verzückt und in seiner Schamlosigkeit verschreckt. Tolstojs Wort befreite sich aus der Macht des Schriftstellers. Proust hielt Tolstoj für den allmächtigen Gott seiner Werke, der ihre Handlungen und Gedanken kontrolliert. Aber wenn man Tolstoj genau betrachtet, wird sichtbar, dass er ein hilfloser Gott ist, dessen Größe darin besteht, dass er seinen literarischen Helden durch das Wort Wahlfreiheit gibt, sodass sie lebendiger werden als die Lebenden. Der erste Ball von Natascha Rostowa, die Reitszenen in Anna Karenina, die Beschreibung der Krankheit und des Todes von Iwan Iljitsch erfüllen den Leser mit einer Urbegeisterung und dem Schrecken des Zusammentreffens mit dem lebensschaffendem Körper der Existenz selbst. Es scheint, als sei Tolstoj nur geboren worden, um die Gesetze der Literatur zu stürzen und über ihre Ansprüche zu lachen, das Lehrbuch des Lebens zu sein.

Je mehr Tolstoj lehren wollte, je mehr er über Moral und Religion nachdachte, desto schlechter wurden sein Predigten und desto besser war sein künstlerischer Text. Tolstoj bestand aus lauter Widersprüchen. Er war ein unvorhersagbarer Radaumacher, er hasste den Fortschritt im Jahrhundert des Fortschritts, rühmte die Freiheit der Frau und war selbst ihr Gegner, liebte den einfachen russischen Mann und war doch in Blut und Benehmen ein Herr. Lenin bezeichnete ihn in seltener Genauigkeit als den "Spiegel der russischen Revolution", in dem das Blut der anarchistischen Rebellion kochte. Er beschrieb den Schrecken des Krieges, aber seiner Frau konnte er einen vergleichbaren Schrecken seinerseits einflößen.

André Gide schrieb in einem Essay, dass Tolstoj Dostojewskijs Größe verdrängt habe, aber sich Dostojewskijs Berg mit der Zeit als höher als der Berg Tolstojs erwiesen habe. Nabokov dagegen bezeichnete Dostojewskij als Schriftsteller für Halbwüchsige. Sicher, bei Dostojewskij sind die Ziele gesetzt. Der Vorhang geht auf, und wir sehen eine Aufführung darüber, wie das gottlose Bewusstsein die Sünde und das Böse schafft. Alles läuft wie auf Schienen und erreicht sein Ziel: Schuld verwandelt sich in Sühne. Bei Tolstoj aber schleppt sich Anna Karenina gemeinsam mit dem Autor unter den Zug. Was ist das: ihre Sühne, hohe Tragödie, das Schicksal der Sünderin oder, im Gegenteil, Delirium des Bewusstseins? Es gibt keine Antworten. Bei Dostojewskij ist das Leben mit dem Gedankenband zusammengefasst, bei Tolstoj dreht sich der Gedanke wie eine Granate, die gleich explodiert und den Fürsten Andrej Bolkonskij tötet.

Zum Ende seines Lebens fing Tolstoj an, sein Talent zu bekämpfen, um als Philosoph und Moralist hervorzutreten. Er hat die Theorie des gewaltlosen Widerstands geschaffen, die Gandhi inspirierte und die östlichen Wurzeln der russischen Idee enthüllte. Aber das geriet alles in Vergessenheit. Dafür sind sein stacheliges Gesicht und sein kindlicher Wunsch, das "Glücksstäbchen" im Wald zu finden, geblieben. Seine geheime Abschiedsflucht aus Jásnaja Poljána vor den Augen der Welt erscheint als Gipfel des Wahnsinns: als sei für den Schriftsteller selbst der selbstmörderische Moment gekommen, sich unter den Zug zu werfen.

In der Sowjetunion wurde Tolstoj, gleich nach Lenin, so übermäßig gepriesen, dass er unter den festlichen Kränzen verloren ging. Neulich war ich in Jasnaja Poljana, sah die einfachen Gegenstände, die stille Pracht des Grafennestes. Plötzlich begriff ich, woher der Roman Krieg und Frieden stammt: aus dem endlosen Tag des Landgutlebens. Zwei Provinzpolizisten bewachten den Eingang des Gutes. Ich fragte sie, ob sie Tolstojs Werke gelesen hätten. Sie antworteten: "Wir sind sie in der Schule durchgegangen." Wir als ganzes Land sind Tolstoj in der Schule durchgegangen und haben ihn dann für immer vergessen.

Der Schriftsteller Wiktor Jerofejew wurde 1947 in Moskau geboren