Das Interessanteste an der ewigen Geschichte mit den deutschen (und nicht nur deutschen) Übersetzungen von Krieg und Frieden ist die Frage: warum? Warum scheut man als Übersetzer beziehungsweise Verleger nicht die Galeerenarbeit und das wirtschaftliche Risiko, die mit der Neuübersetzung eines fast 2000-seitigen Romans verbunden sind, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde und über das russische Leben am Anfang selbigen Jahrhunderts erzählt? Weil er eines der größten Werke der Weltliteratur ist? Aber was bedeutet das eigentlich? Die meisten Grundideen von Krieg und Frieden über die Geschichte als solche und über die Geschichte der Napoleonkriege blieben vollkommen wirkungslos. Niemand sieht Napoleon oder den Zaren Alexander oder Russland oder historische Gesetzmäßigkeiten oder, oder, oder so, wie sie in diesem Buch dargestellt werden. Sogar den Begriff des kollektiven Unbewussten erfand man viel später, ohne zu merken, dass Tolstoj mit seiner Idee des bienenstockartigen "Volksbewusstseins" dieser Vorstellung sehr nahe kam: "Masse Mensch". Der inhaltliche Einfluss Tolstojs im Westen ist viel geringer als der seines "Konkurrenten" Dostojewskij, der zumindest (wenn auch irrtümlich) die Vorstellung der "russischen Seele" prägte. Vielleicht ist jede neue Übersetzung ein Versuch, das zu ändern und zu begreifen, was an Tolstoj so großartig ist.

Die Neuübersetzung von Krieg und Frieden durch Barbara Conrad fußt auf Vertrauen zu Tolstojs Sprach- und Erzähltechniken. Zu diesen Techniken gehört auch seine berühmte "Umständlichkeit", welche die früheren Übersetzer oft nicht gewagt oder nicht gewollt hatten. Sie kürzten, teilten zu lange Sätze in zwei oder drei, sie versuchten Tolstoj "verständlicher" zu machen. Aber Tolstoj ist nicht verständlich, er ist es nie gewesen. Tolstoj ist hypnotisierend. Er lässt Menschen und Gegenstände lebendiger als das Leben, gegenwärtiger als die Gegenwart erscheinen. Tolstoj ist kein "Realist", er ist Lebenserfinder. Er kann unmöglichste Dinge so selbstverständlich darstellen oder erklären, dass man an ihnen keine Sekunde zweifelt. Tolstojs Eigenarten waren auch für die russische Literatur von damals teilweise unerhört.

Ein Beispiel: "An den kahlgewordenen Zweigen im Garten hingen durchsichtige Tropfen und fielen auf das gerade erst abgefallene Laub. Die Erde im Gemüsegarten glänzte feucht und schwarz wie Mohnsamen und verschwamm schon in kurzer Entfernung mit der trüben und feuchten Nebeldecke." Von solchen Sätzen ist es nur noch ein Schritt bis zu den großen Stilvirtuosen des 20. Jahrhunderts wie Nabokov oder Bunin. Die seltsame Wortwahl, die gerade, fast kindliche Art, Dinge zu benennen und zu vergleichen, und die fast überflüssige Detailliertheit sind für Tolstoj sehr charakteristisch. Barbara Conrad hat mit ihrem Vertrauen auf Satzbau und Sprachmelodie Tolstojs auf das richtige Pferd gesetzt: In ihrem Satz höre ich Tolstoj. Noch wichtiger als das: Ein tolstojscher "Anwesenheitseffekt" tritt auf: Tolstoj liest man nicht, Tolstoj halluziniert man!

Dem Leser muss auch der Kommentar von Barbara Conrad ans Herz gelegt werden: Er gibt detaillierte Einblicke in die geschichtlichen Quellen und ist beinahe frei – was eine Seltenheit ist! – von einer unangenehmen und leider sehr verbreiteten Manier der gelehrten Kommentatoren von heute: Er polemisiert nicht mit dem vor 100 Jahren verstorbenen Klassiker und belehrt ihn nicht, was er zu dem und jenem Thema meinen sollte. Er erläutert nur Hintergründe, bald notwendigkeitshalber, bald weil es einfach interessant ist.

Es werden neue Jubiläen kommen, neue Verleger, die daran verdienen möchten, und neue Übersetzer, die sich nicht mehr mit Werner Bergengruen, sondern mit Barbara Conrad oder, genauer gesagt, wieder und wieder mit Lew Tolstoj werden messen wollen. Aber für die nächsten Jahrzehnte sind mit dieser Ausgabe hohe Maßstäbe gesetzt.