Am 10. November 1910 um fünf Uhr in der Frühe ließ der Graf die Pferde satteln. Das Ende rückte näher, und er wollte endlich so leben, wie er es in seinen Büchern beschrieben hatte: anspruchslos, auf der Straße, das Gesicht dem Wind und der Unendlichkeit zugewandt, ohne Ziel, ohne Ehrgeiz, gottergeben. Wir wissen aus vielen Filmen, Büchern und Berichten, dass er, längst ein vergötterter Star des internationalen Literaturbetriebes, nicht weit gekommen ist. An der Bahnstation Astapowo überfiel ihn das Fieber, und man bettete ihn in das Bahnwärterhäuschen. Die Söhne und Töchter reisten an, tranken mit den russischen Reportern und den Schaulustigen in der Bahnhofsschenke, die Ehefrau kam mit einem Sonderzug. Das Sterbebett lag verkehrsgünstig.

Tolstoj hat die Eisenbahn wie jede technische und maschinelle Neuerung verachtet. Sie verhalte sich zur Reise, hat er einmal gesagt, wie das Bordell zur Liebe. Sie sei genauso bequem wie unmenschlich, mörderisch und einförmig. Der Mensch, fand er, sollte lieber zu Fuß gehen, barfuß oder in selbst geschusterten Stiefeln. Aber das hat ihm alles nichts genützt. Er ist am 20. November 1910 neben den Schienen gestorben, in den Fängen des Eisenbahnnetzes, beinahe vor laufender Kamera. Am Abend vor seinem Tode soll er sich noch aufgebäumt und laut gerufen haben: "Ich gehe irgendwo hin, damit mich niemand stört. Lasst mich in Frieden." Aber niemand hat auf ihn gehört.

Dieser Tod ist legendär. Man erzählt von ihm als einem letzten großen Aufbruch des zornigen alten Mannes, der die Welt um sich verachtete für ihre Ruhmsucht und ihre Gier nach Bequemlichkeit. Und der es auf der allerletzten Lebensstrecke endlich geschafft habe, das verfluchte Gut in Jasnaja Poljana zu verlassen, und die Einfachheit gefunden habe, nach der es ihm sein Leben lang verlangte. Aber das ist eine Beschönigung dieses Medientodes. Es ist sogar eine Uminterpretation seines großen Lebensdramas: Er wollte ein Baum sein und war ein Graf. Er wollte sich Gottes Wort überlassen und war ein Schriftsteller. Er wollte den Zug der Modernisierung anhalten und tat seinen letzten Atemzug in einem ihrer Dienstgebäude.

Wir haben den Tolstoj, der der erste weltbekannte Aussteiger aus der modernen Zivilisation war, heute beinahe vergessen. Wir lesen Krieg und Frieden und Anna Karenina, doch seine ungezählten religions- und gesellschaftskritischen Schriften, die allein in der deutschen Ausgabe des Eugen Diederichs Verlags vierzehn Bände umfassen, sind nahezu unbekannt. Der Romancier ist unsterblich, der Prophet, zu dem man um 1900 aus allen Weltteilen pilgerte, ist gescheitert.

Dabei stand er jahrzehntelang im Russenkittel und in seinen selbst gemachten Stiefeln an der Kreuzung, an der die Geschichte in die Industriemoderne abbog, und beschwor sie, die Fahrtrichtung in letzter Sekunde noch zu ändern. Doch weil die Geschichte unbeeindruckt mit Höchstgeschwindigkeit in die vom Grafen unerwünschte Richtung weitersauste, wurde aus dem Weltguru ein liebenswerter Kauz, der besser bei seinem lukrativen Kerngeschäft, der schönen Literatur, geblieben wäre. Doch heute, wo die Welt vollständig so geworden ist, wie Tolstoj sie nicht wollte, ist er – je nachdem, wie man Kosten und Nutzen dieser Entwicklung miteinander verrechnet – entweder so brandaktuell oder so hoffnungslos überholt wie nie.

Wie sähe die Welt aus, wenn sie auf Tolstoj gehört hätte? Vermutlich stiller, eintöniger, klimafreundlicher und gottesfürchtiger. In Stuttgart gäbe es keinen Bahnhof und in Gorleben keinen Atommüll. Es gäbe keine Autobahnen und keine Wagnerfestspiele. Es gäbe keine Schlachthäuser und keine Kurpackungen für mittellanges, blondes Haar. Keinen Geburtenrückgang und keine Frauenbeauftragten. Stattdessen ausgedehnte Wälder, Felder, Wiesen und Weiden. Die Männer müssten ihre Familie von ihrer Hände Arbeit ernähren. Die Frauen so viele Kinder wie möglich gebären (eine junge Frau, die keine Kinder bekommt, kam dem Grafen vor wie fruchtbare Schwarzerde, auf die man Schotter geworfen hat). Wir trügen kurze Schafspelze, Filzstiefel, Unterjacke, Hose und Hemd. Wir wären nicht mehr getrieben von Eigennutz und Geltungssucht, sondern von Wahrheitsliebe und Mitmenschlichkeit. Mit anderen Worten: Wir würden die Welt, die auf Tolstoj gehört hätte, heute kaum ertragen.

Dennoch ist das abschließende Urteil der Literaturgeschichte falsch, Tolstoj sei zwar ein außergewöhnlicher Schriftsteller, aber ein schlechter Denker gewesen. Im Gegenteil, es lohnt sich sehr, seine radikalen agrar-anarchistischen Träume von einem urchristlichen Sozialismus zumindest in der Komfortzone des Buch- und Zeitungswesens heute wieder ernst zu nehmen. Zumal Tolstoj seit seiner Abkehr von der Literatur und seiner Hinwendung zum Welterlösertum im Jahr 1877 – er war damals 49 Jahre alt und hatte den Roman Anna Karenina gerade beendet – diesen Träumen den größeren Teil seiner literarischen Begabung und den kleineren Teil seines Besitzes zum Opfer brachte. Sehr zum Kummer seiner um die Tantiemen und den gewohnten Lebensstandard barmenden Gattin.