Aber was hat er nun geschrieben, was hat er in diesem Punkt für uns (oder für die Unsterblichkeit) getan?

Angefangen hat er, 24-jährig, mit dem, womit andre sonst eher aufhören, mit einer Geschichte seines Lebens als Kind, als Knabe, als junger Mann, drei Bändchen, sie erschienen 1852, 54 und 57. Zwar heißt der Held anders als der Verfasser, alles ist aber in Ichform erzählt und in den Hauptsachen wohl auch wahr. Im ersten Satz des ersten Bändchens ist er vor drei Tagen zehn geworden, im letzten des dritten Bändchens, eben durchs erste Universitätsexamen gefallen, will er einen moralischen Aufschwung nehmen, und dann, sagt er, werde er weitererzählen von der glücklicheren Hälfte seiner Jugendzeit. In diesem dritten Bändchen, dem umfangreichsten und besten, erzählt er einmal, wie er nach langen Jahren einer frühen Kinderliebe wieder begegnet. Er stellt sie sich vor, wie sie damals war; dann klingelt er an dem kleinen Häuschen, dann sieht er sie, eine sehr kleine, magere 17-jährige, aber mit denselben herrlichen großen Augen wie damals (solche Augen in sonst eher unschönen Gesichtern werden ihn nie wieder loslassen), und er fährt fort: "Ich hatte sie mir ganz anders vorgestellt und konnte ihr deshalb nicht gleich das Gefühl entgegenbringen, das ich mir unterwegs ausgedacht hatte. Sie reichte mir nach englischer Sitte die Hand, was damals ebenso selten war wie die Türklingel", und dann sitzt er neben ihr auf dem Sofa. Sicher ist das auch witzig, ganz so, wie es etwa sehr poetisch ist, wenn er im Sommer zu Haus auf dem Land nachts draußen auf der Terrasse schläft und die Nacht mit Mond und Sternen und dann der Tag mit der Morgendämmerung und der aufgehenden Sonne ihn umgibt (und ihn Millionen Mücken zerstochen haben) – aber Tolstoj macht niemals irgendein sprachliches Gewese um Witz oder Stimmung, gleich von Anfang an ist er vollkommen sachlich auf das konzentriert, was er schreiben will. Und wenn man ihn so anfangen sieht, dann bedauert man zwar sehr, dass er nicht weitergeschrieben hat an dieser Jugendgeschichte, aber man freut sich doch ebenso sehr auf die nächsten Sachen.

Das sind, immer noch aus den fünfziger Jahren und dann vom Anfang der sechziger, Erzählungen, in einer etwa (Familienglück), hundert Seiten lang, ein kleiner Roman eigentlich, blickt eine noch junge Frau auf ihr Leben zurück, ihre Liebe, ihre Ehe (da ist Tolstoj an einem der zentralen Punkte seines ganzen Schreibens); sie erzählt von sich selber, sie ist ganz bei sich, ihren Gefühlen; eigentlich müsste man sagen, dass Tolstoj ganz bei ihr ist. Denn das Ungeheure hier ist, wie absolut selbstlos, selber unsichtbar geworden, er sich in die junge Frau hineinversetzt, die nun davon berichtet, wer sie damals war und wie sie dann durch das vergangne frühe Liebesglück hindurch oder hinweg über dieses Glück zu dieser, wie sie schließlich sagt, in einer andern Weise auch glücklichen Frau geworden ist. Da sehn wir Tolstojs wirklich fast unbegreifliches Vermögen, sich in andre völlig hineinzuleben oder hineinzuschreiben, und ganz besonders in junge Mädchen und Frauen, wie später dann in den großen Romanen; in denen er dann einmal sogar, als wollte er zeigen, wie ohne Grenzen dieses Vermögen ist, so weit geht, sich und tatsächlich uns in Lewins Jagdhund zu versetzen, wenn der ungeduldig wird, weil er nicht loskann, wie er will, oder dicht am Boden vor der Beute anhält.

Das größte Stück unter den Erzählungen ist wirklich ein Roman, offenbar der erste Teil eines leider nicht weitergeschriebnen Zyklus über den Kaukasus, Die Kosaken. Ein junger Mann aus Moskau, der genug hat vom Leben in der Stadt, vom Leben überhaupt und von der Liebe, geht mit seiner Truppe in den Kaukasus, an den Fluss Terek, der das Dorf der Kosaken von den Tschetschenen trennt. Und wirklich dämmert dem jungen Mann hier, in einer Natur, von der er sich nie einen Begriff hätte machen können (und von der auch wir uns nur noch hier einen Begriff machen können), etwas vom wahren Leben. Er verliebt sich in eine junge Frau, sehnsüchtig, ein Fremder hier, er sieht kaum, dass sie einen Hiesigen liebt, auf eine Art, von der er nichts versteht. Überhaupt bleibt er ewig ein Anderer hier; unendlich ist seine Sehnsucht, unter diesem Himmel, unter diesen Sternen, unter dem Gesang der fremden Vögel zu Hause zu sein; aber gerade solche Sehnsucht haben die, unter denen er so gern zu Hause wäre, nicht, und das trennt sie von ihm für immer.

Und dann also die gewaltigen Romane, Krieg und Frieden, 1868, und Anna Karenina, 1877. Krieg und Frieden spielt, über 2000 Seiten lang, in den Jahren 1805 bis 1812, und zwar werden in dem einen großen Erzählstrang die Geschicke einiger russischer Adelsfamilien geschildert, in dem andern wird berichtet, wie Napoleon Moskau erobern will und dann geschlagen abzieht. Hier ist die Pointe, dass Napoleon immer deutlicher als ein Nichts dasteht, ein Angeber, ein eitler Dummkopf – die Art, wie Tolstoj Napoleon demontiert, ist vollkommen unwidersprechlich, eben weil er auch hier wieder ganz sachlich bleibt; er hat keine Absicht, den großen Mann kleiner zu machen, sondern er zeigt nur, dass er klein ist. Sein russischer Gegenspieler ist auch kein Held, nur ist er kein weltzerstörender Narr, das Recht ist auf seiner Seite.