Ich bin ja selber schuld. Wenn mir ein Film einfällt, den ich gerne sehen würde, dann setze ich mich an den Computer und vermerke ihn auf der Ausleihliste bei Amazon. Ich bekomme die DVD zugeschickt und muss sie nur noch gucken und danach in einen Briefkasten stecken – und schon schickt mir Amazon den nächsten Film von meiner Wunschliste. Ich muss kaum aus dem Haus gehen. Warum wundere ich mich dann, als ich die Meldung lese, dass in Deutschland die Videotheken innerhalb eines Jahres 16 Prozent ihrer Kunden verloren haben? Und dass die größte Videothekenkette der USA, Blockbuster Entertainment, bereits pleite ist?

Seitdem jeder einen Breitbandanschluss hat und sich Filme mehr oder weniger legal aus dem Netz saugen kann, ist das Ende der Videothek absehbar. Wer will noch abends vor die Tür, um in einen Laden zu gehen, in dem Neonröhren auf die Besucher niederstrahlen, wo man über einen grauen Industrieteppichboden schlurft, umgeben von lebensgroßen Pappfiguren von Angelina Jolie im Tomb-Raider-Dress, auf der Suche nach einem Film – der in den meisten Fällen gerade schon von jemand anderem ausgeliehen worden ist? Wer will schon von einem muffigen Kerl an der Kasse eine Plastikhülle mit DVD entgegennehmen? Die man danach möglichst schnell wieder zurückbringen muss, weil jeder weitere Tag Ausleihe zusätzlich kostet?

Doch bevor man mit 90 Minuten Vergnügen, Chips und zwei Dosen Bier wieder in die Nacht entschwand, war man Teilnehmer einer besonderen Veranstaltung: eines Treffens aller. Der Leihausweis ist die Mitgliedskarte eines Clubs, dem sämtliche Gruppen angehören. Ob Frau oder Mann, ob arm oder reich, gebildet oder dumm: Alle brauchen Entertainment – und alle zog es zu diesem grell erleuchteten Ort, der nie zu schlafen schien und der von Menschen betrieben wurde, die aussahen, als schliefen sie nie.

Die Videothek bildet mit ihren bunten Regalen alles ab, was eine Gesellschaft unterhalten kann. Und da man selten den Film fand, den man eigentlich wollte, griff man oft zu etwas, das man sich im Kino nie angesehen hätte. Zu Liebeskomödien mit Cameron Diaz in der Hauptrolle. Zu albernen alten Monty-Python-Filmen, zu Thrillern, deren Inhalt meist darin bestand, dass übermütige Teenager von Psychopathen in Stücke geschnitten wurden. Die Filmcover in den Regalen bildeten ein Mosaik, das man so vielleicht nirgends mehr betrachten kann: nebeneinander Träume, Albträume und feuchte Träume. Die wurden in der abgelegenen Porno-Abteilung angeboten, wo die Regalwände aus Haut zu sein schienen. Dorthin ging man lieber nicht. Man wollte ja nicht den Verdacht erwecken, dass man Pornos brauchte, um seinem Liebesleben Würze und Anregungen zu verleihen. Heute gibt es Pornos vor allem im Internet. Man muss weder Scham- noch Altersgrenze überschreiten, um sie zu sehen. Sie warten nicht im Hinterstübchen, sondern im Wohnzimmer.

Zu Hause sieht jetzt jeder nur noch, was er will – und wen er will. Wo aber bleibt ein Raum, wo wir uns treffen, über alle Schichten hinweg? Für Männer: die Bundeswehrkaserne. Dort auf der Stube langweilen sich die Verkopften zusammen mit den praktisch Veranlagten, die Starken mit den Schmächtigen. Und haben etwas Zeit, über- und voneinander zu lernen. Bis die Wehrpflicht ausgesetzt wird. Dann leben wir alle nur noch in unserem eigenen Film.