Nada, gerade vom Friedhof nach Hause gekommen, ist in Tränen aufgelöst: "Sie haben die Büste meines Mannes gestohlen. Gott verdamme sie." Von den Ersparnissen ihrer kleinen Rente hatte sie die Bronzeskulptur bezahlt. Nun war die Belgrader Kupfermafia zu Besuch am Grab gewesen. Seitdem die Metallpreise auf dem Weltmarkt so gestiegen sind, bedienen sich die Diebe überall. Werden sie für die Büste 100 Euro erlösen? Das Leid, das sie der Witwe zugefügt haben, ist mit Geld nicht aufzuwiegen.

Nicht, dass ihr Milan ein liebevoller Gatte gewesen wäre. Nein, er war herrschsüchtig, trank zu viel und erhob auch mal die Hand. Sein Tod aber wischte alle schlechten Tage aus Nadas Seele weg: Als er gestorben war, tat sie alles, was in Serbien Sitte ist und was der Kodex der serbisch-orthodoxen Kirche von ihr verlangte.

Wäre sie noch in ihrem ostserbischen Dorf gewesen, dann wären die Klageweiber ins Haus geeilt, ihre schrillen Stimmen hätten die Kunde des Todes durchs Dorf getragen, die Nachbarn hätten bei Bier und Sliwowitz den Toten gewürdigt, bis ihr fröhlicher Gesang die Klagelieder vertrieben hätte. Nun aber wohnt Nada in der Hauptstadt, und da gibt es statt der Klageweiber Todesanzeigen.

Nada ging zu Polityka, der ältesten Tageszeitung des Landes, um die Todesanzeige aufzugeben. Vorher hatte sie das Foto ihres Mannes aus seinem alten Personalausweis herausgeschnitten. Das Bild zeigt einen jungen, streng blickenden Kerl, es würde in der Mitte der Anzeige stehen, der herzzerreißende Begleittext würde der Welt zeigen, wie gut, klug und unvergesslich der Verstorbene gewesen war, wie sehr Nada ihn geliebt hatte und wie sehr er ihr fehlen wird.

Ihre Nachbarn und Verwandten hatten auch Todesanzeigen drucken lassen. Bis zu 30 Anzeigen würdigen einen gewöhnlichen Toten. Der Adressat, der nicht mehr unter den Lebenden weilt, wird gern persönlich angesprochen: "Dich wird es kein zweites Mal auf dieser Welt geben", "Du warst das Licht meines Daseins". Eine ganze Seite kostet 250 Euro – viel Geld für Menschen, die im Schnitt 300 Euro im Monat verdienen, und gutes Geld für die Polityka, die täglich bis zu zehn Seiten Todesanzeigen druckt. Es gibt kaum jemanden, der sie nicht liest.

Als der frühere serbische Präsident und in 66 Punkten der Kriegsverbrechen angeklagte Slobodan Milošević vor vier Jahren starb, erschienen seine Todesanzeigen in der Polityka auf zwölf Seiten. Parteimitglieder, aber auch einfache Menschen, die um ihn trauerten, bekundeten ihren Schmerz. Die Gegner von Milošević meldeten sich zu Wort, indem sie dem Toten erbittert für das Elend dankten, das er verursacht hatte. Es erschien auch der "letzte Gruß an den Haager Mitkämpfer", den 34 Angeklagte des Haager Kriegsverbrechertribunals formuliert hatten. Mittlerweile sind einige von ihnen nicht mehr unter den Lebenden – ihre Todesanzeigen haben es bestätigt: Erst wenn der Name in der Zeitung steht, ist der Mensch tot.

Nada blieb wenig Zeit zu trauern. Das Begräbnis stand bevor, der Tag und die Uhrzeit waren in der Todesanzeige angekündigt. Der Pope würde kommen, der Fotograf, der das Ereignis für alle Ewigkeit festhielte. Nun hieß es Zito kochen, jene Süßspeise aus Weizen, Zucker und Muskatnuss, die am Grab gereicht wird.