Innenministerin Maria Fekter verdankt es der Bauunternehmer Hans Jörg Ulreich, dass er heute ein populärer Mann ist. Ein Trupp der Fremdenpolizei, der Anfang Oktober in einem seiner Zinshäuser die beiden achtjährigen Mädchen Dorentinya und Daniela Komani festnahm, um sie in das Kosovo abzuschieben, bescherte der österreichischen Zivilgesellschaft einen neuen Helden. Das Haus gehört Ulreich, er hat darin Quartiere für Asylsuchende eingerichtet.

Nun nicken dem 42-jährigen Wohltäter gänzlich fremde Menschen auf der Straße anerkennend zu. Seine Mieter senden ihm SMS-Nachrichten, in denen sie sich für seine couragierte Haltung bedanken. Sogar FPÖ-Wähler klopfen ihm auf die Schulter und sagen: "Gut gemacht! Kinder abschieben, das gehört sich nicht." Im Onlineforum einer Tageszeitung steht: "Personen wie Sie halten meinen Glauben an die Menschheit am Leben." Ulreich genießt die Zustimmung. Weil er weiß, dass die Sache auch ganz anders hätte ausgehen können.

Als er sich entschloss, den Asylberatern des Vereins Purple Sheep kostenlos ein Haus für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen, fürchtete er, er werde sich nur Ärger mit Anrainern und hässliche Schlagzeilen in den Boulevardzeitungen einhandeln. Nun ist aber der graue, etwas verlebt wirkende Altbau in der Meidlinger Arndtstraße mit dem "Freunde schützen"-Plakat an der Fassade ein Symbol für gelebte Zivilcourage geworden. Sich in Zeiten einer von rechten Tönen geprägten Integrationsdebatte für Asylwerber einzusetzen hält Ulreich bis heute für eine riskante Wette – die er überraschend gewann. Besser gesagt: Das hilflose Lächeln der achtjährigen Zwillinge hat sie gewonnen. Nachdem sie gemeinsam mit ihrem Vater bereits ins Kosovo verfrachtet worden waren, musste die Innenministerin angesichts anhaltender Proteste einlenken. Nach einigen Wochen durften sie zurück nach Österreich, vor Kurzem erhielten sie eine unbeschränkte Aufenthaltserlaubnis. Doch weshalb hat sich der erfolgreiche Unternehmer auf dieses Wagnis eingelassen?

Auf diese Frage gibt es im Grunde genommen nur eine Antwort: Hans Jörg Ulreich hatte sein Vertrauen in den österreichischen Rechtsstaat verloren. Also nahm der Selfmademan die Dinge selbst in die Hand. Ulreich ist ein groß gewachsener, verheirateter Mann mit strengen Gesichtszügen und leicht gewelltem Haar. Der hochgeklappte Kragen seines eng anliegenden Mantels flattert im Wind. Als eloquenter Manager und Citoyen wurde er in den Medien gelobt. Als Ulreich das las, fühlte er sich geschmeichelt – und schlug im Duden nach, was das überhaupt bedeuten soll: Citoyen.

Nein, dieser Mann ist kein Salonsamariter, niemand, der in noblem Ambiente darüber faselt, wie sehr sein Herz für die armen Teufel dieser Welt schlage. Der Bauernsohn aus dem Burgenland hat es weit nach oben gebracht – und das im wahrsten Sinne des Wortes: Den Gutteil seines Vermögens verdiente er damit, in Gründerzeithäusern die Dachböden auszubauen. In Wien besitzt er mittlerweile 30 revitalisierte Zinshäuser. Sein Erfolgsgeheimnis, sagt er, sei es, dass er "immer ehrlich und anständig" gewesen sei. Ein ironisches Lächeln huscht über sein Gesicht, als wollte er sich dafür entschuldigen, keine bessere Erklärung parat zu haben. Immer wieder durchbricht er seinen sonst so ruhigen sonoren Redefluss mit Sätzen, die so gar nicht zu dem Bild eines rührigen Gutmenschen passen: "Meine Geschäfte laufen so gut, weil ich einen Massengeschmack habe und sofort spüre, wenn aus einer Bruchbude ein richtig geiles Haus werden kann."